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Ruferin im Streit für den Frieden

Bertha von Suttner veröffentlichte vor 125 Jahren ihren Welterfolg „Die Waffen nieder!“

Von Ernst Brandl

suttnportraitnetzBertha von Suttners (1843 – 1914) „Die Waffen nieder!“ ist wohl neben Erich Maria Remarques „Im Westen nichts Neues“ der berühmteste Anti-Kriegsroman der Literaturgeschichte. Das zentrale Werk der österreichischen Autorin und Friedensnobelpreisträgerin wurde heuer vor 125 Jahren erstmals veröffentlicht. Die große Popularität des Buches resultiert aus der Tatsache, daß neben der Frage von Krieg und Frieden auch die Stellung der Frauen in der Gesellschaft thematisiert wird.

Als Urkatastrophe des 20. Jahrhunderts („the great seminal catastrophe“) bezeichnete der angesehene US-amerikanische Historiker George F. Kennan (1904 – 2005) das mörderische Völkerringen des 1. Weltkrieges. Heuer im Sommer wird sich der Ausbruch dieses ersten globalen Krieges zum einhundertsten Mal jähren. Auch in Österreich werden Veranstaltungen und Ausstellungen im Gedenken an das Grauen und die vielen Millionen Opfer des Ersten Weltkrieges stattfinden. Wer allerdings jenseits der historischen Abarbeitung der schicksalhaften Fügungen deutscher, österreichischer und europäischer Geschichte querlesen will, dem sei v. Suttners Hauptwerk zur mentalitätsgeschichtlichen Grundierung ans Herz gelegt.

Zunächst war v. Suttners Dresdner Verleger Edgar Pierson sehr zögerlich, den Roman zu veröffentlichen. Allein schon der Titel erschien ihm zu „provokant“. Das Buch wurde dennoch ein Best-, ja Longseller. 16 Jahre nach der Erstausgabe 1889 erschien bereits die 37. Auflage; es gab billige Volksausgaben mit einer Auflagenhöhe von je 60.000 und unzählige Nachdrucke durch weitere Verlage. Übersetzt in fast alle europäischen Sprachen wurde es auch ein europäischer Verkaufsschlager und schließlich ein Welterfolg.

Der Roman stellt die Aufarbeitung einer wahrlich kriegerischen Epoche dar. Im Mittelpunkt steht das Schicksal einer Frau, der Baronin „Martha von Tilling“, die in den Kriegen zwischen 1859 und 1870/71 zwei Ehemänner und ihren Sohn verliert: Bei Solferino in Oberitalien fällt 1859 ihr erster Ehemann. In den Kriegen Österreichs und Preußens gegen Dänemark (1864) und im österreichisch-preußischen Krieg (1866) bangt sie um das Leben ihres zweiten Mannes („Baron Tilling“ gerät dabei zum Portrait von Suttners Ehemann Arthur Gundaccar von Suttner). Dieser wird schließlich 1870 in Paris von französischen Nationalisten erschossen. Die Realistik und Direktheit, mit der Kriegsgemetzel, Massengräber und Lazarette beschrieben werden, schockierte und ergriff das Lesepublikum.

Der Roman der Baronin von Suttner (die eine geborenen Gräfin Kinsky war) wurde zunächst sehr kritisch aufgenommen, von „rührseliger Albernheit“ war die Rede, die Warnungen der „Friedensbertha“ wurden als Ausdruck weiblicher naiver Exaltiertheit verhöhnt. Doch die positive Rezension des österreichischen Philosophen und Schriftstellers Ritter Bartholomäus von Caneri in der „Neuen Freien Presse“ in Wien bedeutete den Durchbruch für den Roman: „Niemals ist dem Militarismus in so drastischer Weise dargetan worden, wieviel Elend er um sich verbreitet und wie schön das von ihm mißachtete Leben sein kann. [..] Die Abrüstung wäre der Anbruch einer besseren Zeit. [..] Heil dem Fürsten, der im richtigen Augenblicke sich ein Herz faßt und die weiße Fahne ergreift!

Nun denn, wie die Geschichte zeigte, war damals realpolitisch nichts mit „weißen Fahnen“ zu gewinnen. Dennoch trommelte von Suttner unbeirrt in ihren öffentlichen Vorträgen – schon vor der Nobelpreisverleihung zählte sie zu den bekanntesten Frauen Europas – wortgewaltig gegen die Heuchelei einer Gesellschaft, die den Krieg als Bewährungs- und Mutprobe für den Mann verherrlicht. Bertha von Suttner übt mit ihrem Erfolgsroman nicht nur schonungslose Kritik am Militarismus. Und „Die Waffen nieder!“ steht damit nicht „nur“ in der Tradition des klassischen Bildungsromans, der in der deutschen Literatur einen so wesentlichen Platz eingenommen hat. Das Besondere an v. Suttners Werk ist, daß die Hauptfigur weiblich ist, ohne daß es sich hier um schmachtende „Frauenliteratur“ handelt – im Sinne von Literatur von Frauen für Frauen. Ein Faktum, das in der sich so aufgeklärt und fortschrittlich dünkenden Zeit des „Fin de siècle“ keineswegs eine Selbstverständlichkeit war. Der Roman präsentiert nicht nur eine weibliche Identifikationsfigur, sondern verarbeitet auch subtil-geschickt die gesellschaftlichen Konventionen (und deren Wandel) an der Wende zum 20. Jahrhundert, die den Frauen zwar eine untergeordnete Rolle zusprachen, dem sogenannten schwachen Geschlecht aber damit zugleich einen gewissen Freiraum einräumte, der den Männern nicht zugestanden wurde.

Im „Berliner Tageblatt“ vom 18. März 1892 wird anläßlich eines Vortragsabends, über die „Ruferin im Streit für den Weltfrieden“ genau das herausgestrichen: „Frau Baronin Bertha von Suttner weilt in diesen Tagen in Berlin, und aller Augen sind auf sie gerichtet. (…) Es ist vielleicht der stärkste und sichtbarste Beweis für die veränderte Stellung, welche die Frau gegen früher im modernen Leben einnimmt, daß in einer Frage, die so recht eine Männerfrage ist, daß in der Friedensfrage eine Frau sich mit an die Spitze derer stellt, welche nur einen Kampf anerkennen: den Kampf für den Völkerfrieden!

Das sei einmal den heutigen Emanzen ins Stammbuch geschrieben. 1892 erachteten es Männer – zumindest in der Redaktion des Berliner Tageblattes –  als „modern“, daß Frauen auch in „rechten Männerfragen“ sich „mit an die Spitze stellen“. Wohlgemerkt aus Eigenantrieb und Kraft ihrer Brillanz und Hartnäckigkeit. Nicht etwa per „Frauenquoten“ in Aufsichtsräten und Vorständen oder Gender-Mainstreaming-Politik. „Die Waffen nieder!“ liest sich also nicht nur aus mentalitätsgeschichtlichem Interesse interessant, auch der Wandel von Geschlechter- und Rollenklischees ist an diesem 125 Jahre „alten“ Stück Weltliteratur erhellend nachzulesen.

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