Wort und Wert
„Heilet die Kranken, erwecket die Toten, reiniget die Aussätzigen, treibet die Teufel aus; umsonst habt ihr es empfangen, umsonst gebet es hin. Ihr sollt weder Gold noch Silber noch irgend Geld in euern Gürteln haben […].“ In diesen Worten der Jüngeraussendung (Matth. 10, 8 ff.), in Gebet und Vision vernommen, erfuhr der Legende nach Franz von Assisi seine göttliche Berufung. Dem Auftrag folgend, kehrte er Besitz und Reichtum seiner Familie, der höfischen Gesellschaft, aus der er kam, den Rücken, um sich zunächst ganz in die Einsamkeit zurückzuziehen und später als Wanderprediger zu wirken: Armut, hilfreiche Tat und Predigt regeln den Orden der „Minderbrüder“ (Minoriten), den Franziskus 1209/10 ins Leben rief. Eine Ausstellung im Diözesanmuseum und Franziskanerkloster Paderborn widmet sich derzeit der Gestalt, dem Wirken und Fortwirken des „Pater seraphicus“ („Franziskus – Licht aus Assisi“, noch bis zum 6. Mai; ein umfangreicher Katalog ist erschienen).
Die Idee des weltflüchtigen Außenseiters kehrt im abendländischen Kosmos in mancherlei Gestalt wieder; sie ist ein durchgängiges Korrektiv der europäischen Fortschrittsgeschichte. Im eigentlichen bedeutet die Flucht aus der Stadt in die Wildnis dabei immer den Aufbruch aus einer Welt äußeren Überflusses und innerer Dürftigkeit in ein neues Leben, die Suche nach einer Form freieren, reineren Daseins, die Rückkehr in eine menschengemäße und gottgewollte Bahn des Tuns und Schaffens, welche das urbane Gefüge aus unzähligen Zwängen bei allem Nutzen niemals eröffnen kann. Sie scheint zwei Spielarten zu kennen: den Typus der einsiedlerischen Klausur und den der utopischen Gemeinschaft. Verwirklichungen führen vom Mönchstum über den Waldgänger bis zum modernen „Aussteiger“, vom Auswanderer- und Neusiedlertum über die Kolonisation bis zur „pädagogischen Provinz“ und zum „Wandervogel“.
Nicht weniger bemerkenswert sind jene Modelle, die — gleichsam in Umkehrung — Natur und naturnahes Leben und Handeln in die Stadt verpflanzen wollen. Solchen Bewegungen, die teils lebensreformatorischen Bestrebungen, teils ökonomischen Notlagen entspringen, gilt eine trotz zeitgeistigen Aufputzes sehenswerte Ausstellung im Architekturzentrum Wien: „Hands-On Urbanism 1850–2012. Vom Recht auf Grün“ (noch bis 25. Juni). Das englische Kunstwort soll höchst Unterschiedliches aus aller Welt versammeln: So sind die Anfänge der Schrebergarten- und Kleinsiedlerbewegung in Leipzig und Wien, Antworten auf Umbrüche und Krisen in den Städten des werdenden Industriezeitalters ebenso dokumentiert wie selbstorganisierte Gartenkulturprojekte und „informelles“ Gemeinschaftsbauen in amerikanischen und asiatischen Metropolen der Gegenwart.
„Wir bringen unsere Jahre zu wie ein Geschwätz“: Angespornt von dem Psalmenvers, gibt der Korvettenkapitän a. D. Thomas von Orla bald nach dem verlorenen Krieg die scheinbare Sicherheit seiner großbürgerlichen Existenz auf, verläßt seine Familie und die von Unruhen und allgemeinem Sittenverfall heimgesuchte Stadt. Er zieht sich als Fischer auf eine Insel in der masurischen Einschicht zurück, gewillt, ganz dem schlichten Handwerk zu obliegen und dem kleinen Kreis von aus der Zeit gefallenen Menschen zu dienen, der sich um ihn gebildet hat. Im „Gehorsam vor der Ordnung der Dinge“ und einem Sinn getreu, der „nach dem Einfachen trachtet“, möchte er sich ein „frohes Herz“ erwerben. Dieses Eremitenschicksal neuer Art richtet Ernst Wiechert in seinem Roman „Das einfache Leben“ – erschienen im verhängnisvollen Jahr 1939 – gegen eine finstere Zeit auf. Am 18. Mai jährt sich zum 125. Mal der Geburtstag des großen Erzählers und Naturschilderers aus Ostpreußen. – Wieviele Refugien sind heute ebenso vergessen und verloren wie diejenigen, die sie schufen oder ihnen nachträumten? Und welche sind verblieben in einer restlos in Besitz genommenen, unentwegt beredten Welt? Balduin Ordt