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Pilger am Jakobsweg – Eindrücke und Erlebnisse

Von Charles Bohatsch

Zehntausende pilgern jährlich zum Apostelgrab nach Santiago, nehmen Entbehrung und Mühsal in Kauf. Was treibt sie? Für viele ist schon der Weg das Ziel, für Gläubige ist es die große Wallfahrt. Die den Weg  suchen und gehen, den Alltag zurücklassen, sind – meist unbewußt – auch innerlich bereits einen weiten Weg gegangen. Die einen haben einen Wegweiser zu Gott, andere wieder zu sich selbst, wieder andere Orientierung und  Lebenssinn gefunden.

Der längste Weg beginnt mit dem ersten Schritt. Über dem Ibaneta-Paß ist der Himmel so blau wie auf den Gemälden alter Meister. Über die alte Paßstraße,  die Spanien mit Frankreich verbindet, marschierten römische Legionäre, Abenteurer, Händler, Kaufleute und seit mehr als 1000 Jahren Millionen Pilger auf dem Weg zum Grab des Apostels Jakob.

Vom Ibaneta-Paß (1600 m), wo der „Camino Navarro“, der spanische Jakobsweg beginnt, sind es 28 Wandertage bis nach Santiago de Compostela. Hier oben liegt Ende Mai oft noch Schnee, heftige Stürme und dichter Nebel machen den Weg über die Pyrenäen beschwerlich. Doch diesmal, Anfang Juni 2006, ist ein sommerlicher Tag mit 26 Grad. Bauern nutzen das schöne Wetter und mähen mit Sensen eine Wiese.

Von der französischen Seite nähern sich  langsam zwei seltsame Gestalten. Es sind zwei Mädchen in kurzen Hosen. Das eine trägt einen riesigen Turban, zusammengedreht aus einem Handtuch, das andere einen schwarzen Schlapphut. Die riesigen Sonnenbrillen geben ihnen ein käferartiges Aussehen. Sie sind die ersten Pilger, denen ich begegne. An ihren Gürteln baumelt die Jakobsmuschel.

Eine knappe Wegstunde unterhalb des Passes liegt die alte Pilgerherberge Roncesvalles. Dort treffe ich die Mädchen wieder. Sie sitzen vor dem Silo de Carlomagno, haben die Schuhe ausgezogen und betrachten ihre geschundenen Füße. Sie sind schon weit gewandert, kommen von Toulouse herauf. Sie werden hier in der mächtigen Augustinerabtei nächtigen, die seit 800 Jahren den Peregrinos Schutz vor den Unbillen des Bergwetters bietet.

Mit dem Ibaneta-Paß verbindet sich auch ein historischer Mythos, an den ein unscheinbares Steindenkmal erinnert. Hier geriet der rasende Roland im Jahre 778 mit seiner Vorhut in einen Hinterhalt der Mauren und wurde im heldenhaften Kampf tödlich verwundet. Wie das Rolandslied schildert, stieß er mit letzter Kraft so mächtig ins Horn Olifant, daß Karl der Große, der mit seiner Heeresmacht im Tal lagerte, es hören konnte. Karl verfolgte die Mauren bis zum Ebro und ließ sie dort niedermetzeln. Der Silo de Carlomagno ist die Grabstätte der christlichen Helden. Sie waren am Schlachtfeld  erkennbar, da Rosen aus ihren Mündern wuchsen. Und noch zu Lebzeiten Karls des Großen, im Jahr 813, soll das Grab des heiligen Jakobs entdeckt worden sein.

Vom Stift weg führt der Weg durch Eschen- und Buchenwälder, für eine Zeit das enge Flußtal entlang, dann quer über Berghänge, wo Wiesen,  blühende Olivenhaine und Getreidefelder eine buntgefleckte Landschaft bilden. Die Wiesen haben die erste Mahd schon hinter sich. Die riesigen walzenförmig gepreßten Heuballen zeugen davon.

Der Wanderweg führt hinab nach Sangüesa.  Hier steht, nahe der Eisenbrücke über den Aragon, eine wuchtige romanische Kathedrale. Die Pilger müssen sie nicht betreten, um eine Predigt zu hören. Denn hier reden die Steine. Das Portal beeindruckt heute noch mit seinen Darstellungen von den Schrecken der Hölle, von Sünde und Laster,  von Tugend und Himmelreich.

Von der Kathedrale aus erblickt man eine mächtige  Ruine, die Burg von Sangüesa. Ihre Herren waren die Tempelritter, die auch den Flußübergang schützten. Heute nisten auf den zerborstenen  Simsen Störche. Sie sind die neuen Herren der Burg.

Hitze wie im Hochsommer brütet über den Fluren von Navarra. Auf den schmalen Feldern wandelt sich das Grün schon in Gelb und Braun. Bei Hafer und Gerste kommt schon die Zeit für den Schnitter. In der sengenden Sonne wandern wir entlang bewaldeter Hänge durch die Sierra de Leyre, froh über jeden Schatten, den die niedrig wachsenden Steineichen spenden. Und der Buxbaum, bei uns ein Busch,  wird hier seinem Namen gerecht, er erreicht mehr als Mannesgröße. An den staubigen Wegrändern machen sich Stechginster und Wacholder breit. Je karger der Boden, umso üppiger scheint der Ginster zu blühen. Sein grelles Gelb setzt Glanzpunkte in die Fluren.

 

Die Sierra wird beherrscht von der riesigen Klosteranlage San Salvador de Leyre. Die Romantik des mittelalterlichen Ambientes wird nur gestört durch eine Unzahl ewig sich drehender Windränder entlang der Hügelketten.

Das Bergkloster bietet den Pilgern Labung und Quartier an. Von dort aus blickt man weit ins Tal hinein, wo sich die Sonne in einem riesigen Stausee spiegelt. Er speist die Bewässerungskanäle der Felder und ist Wasserreserve für trockene Zeiten. Wer das Gotteshaus besucht, steigt auch in die romanische Krypta hinab. Sie muß von Kyklopenhand gebaut worden sein, so mächtig ist das Steinwerk, getragen von einer Vielzahl unterschiedlicher Säulen, alles im Dämmerlicht, das durch die Alabasterscheiben der Fenster dringt. Und von der alten Benediktinerabtei aus erreicht man nach mühseliger Wanderung die Virilaquelle. Ihr kühles wohlschmeckendes Wasser soll auch Augenkrankheiten heilen, und so wäscht sich jeder hier das Gesicht.

Mehr als 100.000 Menschen sollen es sein, die jährlich über den Jakobsweg wandern. Pilger sind die wenigsten, für die meisten ist es ein Urlaub der anderen Art, einfach ein sportliches Abenteuer mit Verzicht auf Komfort, alles mehr Zufall als Planung, mit der Anmutung eines sanften Überlebenstrainings, man ist zurückgeworfen auf sich selbst.

Nur 50 Kilometer von Leyre entfernt liegt  Pamplona, berühmt durch die Fiesta de San Fermin mit dem alljährlichen Stiertreiben durch die Straßen der Stadt. Ernest Hemingway hat dies im Roman „Fiesta“ anschaulich beschrieben. So besucht man in den Arkaden der malerischen Plaza de Castillo auf einen Mojito die „Iruna“-Bar, die der Dichter selten nüchtern verlassen haben soll.

Pamplona ist eine grüne Stadt. Fast jede Straße ist eine schattenspendende Platanenallee.  Der mächtige Baum wird dort erstaunlich klein gehalten, stets zurückgeschnitten wie bei uns die Kopfweiden. Die Augen erfreuen sich am südländischen Ambiente. An allen Fenstern Holzläden, an allen Häusern Balkone aus Schmiedeeisen, übervoll mit Blumen und Blüten. In den schattigen Innenhöfen ebenfalls ein Blumenmeer und meist ein Brunnen.  Ein Bummel durch die verwinkelten Gäßchen der Oberstadt mit einer großen Zahl von Bars, Botegas und Cafes läßt erahnen, daß die Stadt, ein Knoten  am Pilgerweg,  immer schon gastfreundlich war. Die alles überragende Kathedrale Santa Maria bot im Mittelalter den Jakobspilgern Kost und Quartier.

Gerade einen anstrengenden Tagesmarsch von Pamplona entfernt liegt Puente de Reina. Der alte Pilgerweg ist oft durchschnitten von Bewässerungskanälen, Straßen- und Autobahnstücken; die neue Infrastruktur, finanziert von der EU, schlug häßliche Wunden in die Landschaft. Auf endlosen Gemüseplantagen verhindern Berieselungsanlagen das Verdorren der jungen Salatpflanzen.

In der Ferne taucht ein einsam in der Landschaft stehendes Bauwerk auf. Es ist das alte Pilgerkirchlein Santa Maria de Eunate, ein Oktogon, umgeben von niedrigen Arkaden. Auf der nahen Straße hält ein Bus. Eine Gruppe von 50 oder 60 Personen wälzt sich auf das Kirchlein zu. An der Spitze marschiert ein Priester. Trotz der Gluthitze trägt er sein weißes Collar. Er hat seine Schäfchen aus Paderborn hierher getrieben und zelebriert in dem Achteck eine Messe. Den Wein für die Wandlung hat er, so sagt er, aus dem  Hotel mitgebracht.

Schon vor 900 Jahren wurde die Fähre über den Argafluß, die die Peregrinos übersetzte, durch eine wuchtige Steinbrücke ersetzt, gestiftet von einer Königin.  Und das gab der Stadt den Namen: Puente de Reina. Der Pilger betritt sie immer noch durch den Bogen, der Kirche und Kloster verbindet und eine Kontrolle der Straße erlaubte. Hier hausten die Templer als Herren der Stadt und Wächter der Brücke. Beim Flußübergang bündelten sich bereits die Pilgerströme. In der romanischen Kirche die erste Begegnung mit Jakobus als ernst blickende Steinfigur, einen Pilgerstab in der Hand.

Wer die Brücke überquert hat, wandert auf  Estella zu. Das Städtchen hatte seine Glanzzeit im Mittelalter.  Juden hatten hier das gute Geschäft mit den Pilgern in der Hand.  Mehr als zwanzig Gotteshäuser soll es hier gegeben haben. Erhalten geblieben ist, nahe dem Egafluß, eine spätromanische Kirche, deren Portal auch heute noch als steinerne Bibel den Pilgern  eindrucksvoll das  Leben Jesu erzählt.

Spanien besitzt eine erstaunliche Vielfalt kleinräumiger Landschaften mit charakteristischer Fauna und Flora, die auch die Lebensbedingungen der Menschen und damit ihre Kultur und ihre Traditionen geprägt haben. So quert der Pilger jetzt die schier uferlose Ebene des Ebro, wo es außer Weingärten nichts zu geben scheint. Nur hin und wieder machen sich Kulturen von Spargel und Paprika breit. Wir haben die Provinz Rioja erreicht und sind Richtung Logrono unterwegs. Am Stadtrand überqueren wir den träge fließenden Ebro.

Logrono ist das Herz der  Region Rioja, berühmt für ihre  herrlichen fruchtigen Rotweine. Rechts und links der Straßen ungezählte Bodegas und  fabriksartigen Hallen mit riesigen Weintanks. Für Winzerromantik ist hier kein Platz mehr, auch wenn die Trauben angeblich immer noch mit den Füßen zerstampft werden und die gekelterten Weine zum Ausreifen jahrelang im Faß bleiben.

Logrono ist heute eine Stadt mit modernem Antlitz, eine Autobahn führt mitten hindurch. Es gibt nur mehr Spuren der Vergangenheit. Durch die Rua vieja gelangt man zum alten Pilgerbrunnen und zur Kirche Santiago el Real.  Ihr Portal zeigt uns den heiligen Jakob als „Matamoros“, Maurentöter. Hoch zu Roß , das Schwert schwingend, sprengt er ihnen entgegen und schenkt 844 den Spaniern den Sieg über die Heiden.

Wir sind Richtung Burgos unterwegs. Der Weg steigt jetzt ständig an, und mit  zunehmender Höhe verschwindet der Wein aus der Landschaft.  Nächstes Nahziel aber  ist Santo Domingo de la Calzada  am Rio Oja, benannt nach einem sonderbaren Heiligen, der nach der Jahrtausendwende den Jakobsweg renovierte. Er ließ eine Brücke mit 24 Bögen über den Fluß schlagen, die Straße pflastern und ein Hospital bauen.

Heute gibt es in der Stadt zwei Paradores, staatliche Hotels, wo sich die Pilger den Staub von den Schuhen schütteln können. Der Tagesmarsch war anstrengend. Vormittags brannte die Sonne in den Nacken, nachmittags ins Gesicht. Bei 35 Grad schien die Luft zu kochen. Das Duschen im Hotel ist eine erfrischende Wohltat. Und wie köstlich schmeckt am Abend zum leichten Spargel-Menü jeder Schluck vom Rioja.

Erst gegen Mitternacht stellt sich die Abendkühle ein und regt zu einem späten Rundgang durch die immer noch belebte Stadt an.  Dann steht man staunend vor der spätromanischen Kathedrale. Fantastisch ausgeleuchtet erstrahlt sie in der Dunkelheit, ein unauslöschliches Bild. Und sie ist wohl die einzige Kirche der Welt mit einem Hühnerstall. Hahn und Henne sollen an das „Hühnerwunder“ erinnern. Eine Wirtsmagd bezichtigte aus Rache einen jungen Pilger, der ihre Gunst verschmähte, einen Silberbecher gestohlen zu haben, den sie in sein Gepäck gesteckt hatte.  Der Jüngling wird gehenkt. Seinen traurigen Eltern erscheint vor der Stadt der  heilige Jakobus. Er sagt: „Euer Sohn lebt.“ So eilen sie zurück zum Richter, der gerade gebratene Hühner verspeist und die Botschaft nicht glauben will: „Er ist so lebendig wie die Hühner auf meinem Teller.“ Und schon flogen diese auf und davon. Der Jüngling wurde vom Galgen geschnitten und  war gerettet. Galgenholz und Strick werden heute noch in der Kirche aufbewahrt.

Hinter Santo Domingo durchschneidet der Camino die Sierra de la Demanda. Die vom Wind bewegten Getreidefelder verwandeln sie in ein goldgelbes Meer. Hinter des Flußsenke des Rio Oja türmt sich wie ein Wall eine Bergkette auf. Der Camino läuft jetzt entlang einer ausgebauten Landstraße. Unzählige Autos flitzen vorbei, und durch den ständigen Anstieg hat sich die Tagestemperatur auf angenehme 21 Grad reduziert. Die Getreidefelder sind hier noch grün, und die Sprinkelanlagen sprühen das knappe Wasser auf weite Flächen mit Erbsen, Bohnen und Salat.

 

Beim Örtchen San Jose geht es etwa 15 Kilometer steil bergauf. Entlang des Weges liegen kleine Steinhaufen. Auf einige Steine sind  mit Filzstift Namen gemalt, andere Brocken beschweren Zettel mit Grüßen und Botschaften. Der Weg ist hier eng, die Frequenz an Pilgern stark. Man begrüßt einander mit einem freundlichen „Buen camino!“

Mit den Montes de Oca kehren die Wälder zurück. Wir haben die Meseta, das spanische  Hochplateau erreicht, das sich bis zum 200 Kilometer entfernten Leon dehnt. Wir wandern eben dahin auf einer Höhe von rund 1.000 Metern durch monotones Ödland – baumlos, strauchlos. Die Zucht der Merinoschafe und die Verarbeitung ihrer Wolle auf etwa 20.000 Webstühlen  hat hier Tradition.

In der Meseta liegt wie ein Juwel Burgos, berühmt und geschmückt  durch die schönste gotische Kathedrale Kastiliens. 300 Jahre lang wurde an ihr gebaut. Auf den ersten Blick wirkt sie wie eine gewaltige Trutzburg. Dann erfaßt der staunende Blick die Türmchen, Bögen, Rosetten und Skulpturen,  die kronenartigen Kuppeln und schlanken Zwillingstürmchen, alles feingliedrig, lichtdurchflutet. Im Steinwerk entdeckt man den lateinischen Satz „Pulchra es et ornata“.  So ist es.

Die Kathedrale Santa Maria ist ein Wunder aus Stein. In ihrem Inneren durchwandert man mit dem gleichen Erstaunen ein verwirrende Vielzahl von Kapellen, Meisterwerke der Gotik, der Renaissance und des Barock. Man findet die Grabplatte des Nationalhelden El Cid und auch den Koffer, den er mit Steinen gefüllt jüdischen Händlern als Schatztruhe teuer verkaufte. Nach Stunden verläßt man das Gotteshaus, betäubt von den Eindrücken und im Wissen, vieles nicht gesehen zu haben.

Burgos, einst Bollwerk gegen die Mauren,  ist eine Stadt voller Leben. Fast jede Straße führt zu einer Plaza,  wo in den späten Abendstunden Cafes, Restaurants und Bars die Gäste kaum fassen können. Es ist schön, mittendrin zu sitzen und das bunte Treiben zu beobachten. Schon im Mittelalter haben sich die Pilger in Burgos besonders wohl gefühlt. Dreißig Hospitäler und Albergues (Herbergen) gab es in der Stadt.

Die Vegetation hat sich umgestellt. Entlang des Camino blühen Heckenrosen,  dominant ist das gelb blühende Fingerkraut, das violette Erikakraut bildet fleißig Polsterstauden. Hinter  Burgos scheint die flache Tafellandschaft der Meseta endlos zu sein. Die Sonne brennt gnadenlos herab, aber ein leichter Windhauch macht die Hitze erträglich. Tiefrote Mohnfelder sind freundliche Farbtupfer in der kargen Landschaft. Und wilde Mohnblumen säumen mit ihrem brennenden Rot auch zu Tausenden den staubigen Karrenweg. Stundenlang wandert man auf den Horizont zu, der nicht näherrücken will. Der Weg über die Meseta ist gefürchtet. Er bietet alle Mühen der Ebene: Wind, Staub, Regen, schneidende Kälte oder unerträgliche Hitze. Diesmal ist der Wettergott gnädig. Die sengende Sonne versteckt sich immer wieder hinter durchziehenden Wolken.

Was für ein Gegensatz zum dynamischen Burgos: In eine Senke geduckt liegt Hontanas, ein verwunschenes Dörfchen, nur mehr von den durchziehenden Wallfahrern am Leben erhalten. Es gibt hier noch ein altes Hospital als Pilgerherberge. Um die Mittagszeit erreichen wir Castrojeriz. Die Ruinen einen Castells und mehrere verfallende Gotteshäuser belegen die Bedeutung, die der Ort als Station am Pilgerweg einst hatte.

Auf einer uralten Steinbrücke überqueren die Wanderer den Rio Pisuerga und erreichen Boadilla de Camino.  Nur die Windmühlen am Rande des ärmlichen Dorfes sind Zeugen der neuen Zeit. Die Mauern der Häuser – viele stehen leer – wurden noch mit getrockneten Lehmziegeln hochgezogen. Man begegnet nur alten Menschen, die Jungen suchen ihre Chancen in den Städten.

Ein verrostetes Schild am Ortsrand weist den Weg zum nächsten Ziel: Camino de Santiago – Fromista. Das Landstädtchen ist berühmt durch seine Klosterkirche San Martin aus dem 11. Jahrhundert. Den Kunstgeschichtlern gilt sie als  schönste romanische Kirche Nordspaniens,   als „Urknall der Romanik.“ Wer sie besichtigen will, muß das Glück haben, den Mesner zu finden, damit er nach der Siesta am späten Nachmittag das Kirchentor aufsperrt.

Uns tragen die Füße weiter nach Sahagun. Von dort sind es noch 109 Kilometer nach Leon, der alten Königsstadt. Wir queren die Bahnlinie, die von Bilbao nach Leon führt.

Es ist  sechs Uhr am Abend. Die Sonne sticht. Es hat 30 Grad. Plötzlich türmen sich Gewitterwolken auf. Ein starker Wind hebt sich und treibt eine Staubwolke heran. Sie stammt von einer riesigen Schafherde, die vor uns über den Pilgerweg zieht, umkreist von vier Wolfshunden und einem kalbsgroßen Bernhardiner. Mittendrin, auf einen langen Stab gestützt, steht der Hirte wie ein Feldherr. Blökend laufen die Tiere auf einen grünen Flecken zu. Dort gibt es frisches Futter und wohl auch Wasser.

Aus dem Namen Leon hört man unschwer noch das Wort Legion heraus. Hier lag zur Zeit Cäsars die siebente römische Legion. Die Karriere der Stadt – sie liegt 900 Meter hoch –  begann als römischer Militärstützpunkt. Die Menschenleere und die verfallenden Dörfer der Meseta haben wohl etwas damit zu tun, daß sich am Stadtrand häßliche uniforme Wohnblocks auftürmen, wie Hühnerbatterien für Menschen. Umso mehr ist man überwältigt von der feingliedrigen gotischen Kathedrale im Zentrum von Leon. Und erst auf den zweiten Blick ist man fasziniert von den schaurigen Darstellungen des Jüngsten Gerichts am Hauptportal. Die Menge häßlicher Fratzen und gräßslicher Dämonen mag den mittelalterlichen Menschen in Angst und Schrecken versetzt haben. Wer durch den bedrohlichen Porticus den Kirchenraum betritt, der wird geblendet von Licht, Farbe und strahlendem Prunk. Ein betäubender Abglanz des himmlischen Jerusalems. Unvorstellbare 1800 Quadratmeter Glasfenster mit bunten Ornamenten, biblischen Szenen – von der Sonne zum Leuchten gebracht – erzeugen diese Wirkung.

Dächer und Türme des Doms sind ein Flughafen für Störche. Sie nisten dort. Am weiten Vorplatz des nahen Klosters San Isidoro erproben hunderte Mauersegler ihre Flugkünste. Es beherbergt die „Sixtinische Kapelle“ der spanischen Romanik. In einfachen Bildern und Fresken – ähnlich Comic Strips – wird den Peregrinos das Leben Jesu erzählt. Und in einer Art Jahreskalender die Arbeit der Bauern dargestellt.

Und da wir an einem Samstag Leon erreicht haben, hat sich die Plaza Mayor in einen riesigen Bauernmarkt verwandelt. Die Campesinos kommen aus dem Umland und bieten hier ihre Produkte feil: rote Paprikaschoten, größer als zwei Männerfäuste, goldgelben Honig, fast nußgroße Kirschen, es gibt schon die ersten Pfirsiche, natürlich jede Art Gemüse und ein Meer von Blumen. Fettes Lammfleisch wird angeboten und die grobe Chorizo, eine würzige Paprikawurst, die oft schon zum Frühstück verzehrt wird.  Auf langen Querstangen baumeln mit weißem Schimmel überzogene Salamistangen und duftender luftgetrockneter Schinken.

Der Camino ist nicht nur ein Weg, er ist eine Perlenkette aus Kirchen, Klöstern, Kathedralen und Pilgerherbergen. Sie teilen auch den Weg in verschiedene Abschnitte, machen Rast und Ruhe planbar. In der Mittagsglut sind sie durch die kühlen Mauern und ihre architektonische Pracht eine Erquickung für Leib und Seele. Mit dem Pilger des Mittelalters haben die Wallfahrer von heute meist nur noch den breitkrempigen Hut und den Wanderstab gemeinsam. Die leichte lederne Umhängtasche, meist nur mit Nahrungsmitteln und einer Trinkflasche gefüllt, ist dem Rucksack gewichen. Er wiegt wenigstens 12 Kilo,  denn Kleider und Schuhe zum Wechseln, Regenschutz, Hygieneartikel und ebenfalls Wasser, zählen wie der Fotoapparat zur unentbehrlichen Ausrüstung. Man braucht heute mehr als Pilgerhemd und Pilgermantel.

 

 

Zwei Tagesmärsche von Leon entfernt liegt das Städtchen Astorga, seit der Römerzeit ein Straßenkreuz. Im Mittelalter  flossen dort aus dem Norden und Süden die Pilgerströme zusammen. Rund 20 Herbergen nahmen die frommen Wanderer auf. Und schon aus der Ferne ist die riesige Kathedrale zu erkennen. Dreihundert Jahre lang wurde an ihr gebaut. Heute ist sie für die kleine Stadt viel zu groß.

Hinter Astorga türmt sich am Horizont die Bergkette der Maragateria auf. Und so führt auch der Weg jetzt stetig bergauf. Niedrige Büsche prägen nun die Landschaft, dazwischen kleine Getreidefelder, die bald satten Wiesen weichen, in denen gerade der Schopflavendel blüht und duftet. Und in den gelben und weißen Ginster am Wegrand mischt sich zunehmend das Heidekraut. Schließlich machen schattenspendende Eichenwälder das Wandern angenehm.

Die Erde ist rötlich und gibt den Ziegelhäusern der kleinen  Bauerndörfer

am Weg, wie Castrillo de los Polvazares, ihre Farbe. Ein Kontrast dazu ist das obligate Grün der Fenster, Türen und Tore. Aufgeschichtete Steinmauern grenzen das anschließende Hofland der Bauernhäuser ab.  Und die Straßen des Dorfes kennen  noch keinen Asphalt. Sie sind mit abertausenden mühsam in den Boden geklopften Steinen gepflastert.

Nach langem Anstieg wird Foncebadon erreicht, ein verfallenes, wie verwunschen wirkendes Dörfchen. Keine Menschenseele ist zu sehen. Eine Ruine ist auch die Kirche. Auf ihre Mauern wurde einfach ein neues Dach gesetzt. Sie dient jetzt als Matratzenlager für durchziehende Pilger.

Die österreichische Herberge, die es hier geben soll, ist nicht auf Anhieb zu finden. Sie ist aber auch nicht das Ziel, sondern das Cruz de Ferro, das auf dem Monte Irago (1.504 Meter) den höchsten Punkt des Camino markiert. Auf der Spitze eines entrindeten Baumstammes, er erinnert an einen Maibaum, sitzt das viel zu klein geratene Eisenkreuz. Hier lege ich das vom Ibaneta-Paß mitgebrachte schwarze Schieferstück ab und vergrößere den Steinhaufen, der durch diesen Brauch rund um das Kreuz wächst. Eine Schar von Peregrinos umringt das Cruz de Ferro. Sie fassen einander an den Händen und singen ein Vaterunser.

Ringsum ein malerisches Ambiente. Eine massive Mauer aus der Römerzeit stemmt sich gegen den Berghang. Ein winziges Kirchlein lädt zum Gebet  und  die Herberge zur Rast und einfachen leiblichen Genüssen. Sie ist bis auf den letzten Platz gefüllt. Ein Beweis, wie viele Menschen auf dem Camino unterwegs sind. Und ganz in der Nähe weidet eine Herde blökender Schafe.

Der Abstieg Richtung Galicien ist steil. Der Pfad windet und dreht sich, ist oft meilenweit zu sehen, wie er über die Hänge läuft. Hier hat jetzt wieder der goldgelbe Ginster als Wegbegleiter seinen Platz. Und auf einem weniger abschüssigen Gelände taucht endlich ein winziges Dorf auf. El Acebo steht auf der Tafel. Die Häuser sind mit dunkelgrauen Schieferplatten gedeckt. Am Rand der Ortsstraße wächst eine mächtige uralte Edelkastanie in den Himmel hinein. In der kleinen Taverne schiebt der dickliche schnurrbärtige Wirt den durstigen Pilgern ein kühles Bier oder Agua mineral mit unglaublicher Langsamkeit über die Theke. Hier in der Einöde hat Zeit eben eine andere Bedeutung.

Bald hinter dem Ort stoßen wir auf einen Kreis der Hölle, wie Dante ihn nicht hätte drastischer beschreiben können. Kilometerweit durchwandern wir eine bizarre gespenstische Landschaft. Hier hat ein gewaltiger Flächenbrand gewütet: tausende kohlschwarze Gerippe von Bäumen und Sträuchern, eine leblose Landschaft, nur der unverwüstliche Ginster treibt aus den Wurzeln schon wieder frisches Grün.

Viel Geröll und schräg liegende Schieferplatten machen jetzt den Abstieg beschwerlich. Da bleibt kaum ein Blick für die prächtig blühenden Zistrosen und die eleganten Digitalis. Unvermittelt mündet der steile Pfad in die Straße nach Molinaseca. Eine kleine Idylle tut sich auf. Über einen träg fließenden Bach – er ist mit weißen Blüten überwuchert – führt eine Steinbrücke zur Taverne. Dahinter liegt der alte labyrinthisch verwinkelte Ortskern mit seinen engen Gassen. Sie führen hoch zu einem verwitterten Kirchlein, umstanden von uralten Olivenbäumen.

Wenn man schließlich, der Straße entlang, Ponferrada erreicht, hat man bereits einen Abstieg von 1.000 Höhenmetern in den Beinen. Die kleine Stadt profitierte einst vom Kohlebergbau und der Eisenverarbeitung. Jeden Ankömmling beeindruckt sofort die auf einem Felsrücken am Fluß trotzig aufragende  Burg der Tempelritter. Man hat begonnen, das mächtige Bauwerk zu renovieren. Es steht heute unter Denkmalschutz.

Bis zur Zerschlagung des Ordens im 14. Jahrhundert waren die Templer die Herren der Stadt und die Schützer des Camino. Und sie waren es wohl auch, die hier die  Minifundien zur intensiven Bewirtschaftung der fruchtbaren Böden eingeführt haben. Obst- und Gemüsegärten reihen sich aneinander, und das milde Klima begünstigt auch das Auspflanzen von Wein.

Nach einem unschönen Wegstück entlang der neuen Autobahn und der parallelen Nationalstraße bei Villafranca del Bierzo taucht man endlich wieder in die Schönheit und Ruhe der Berglandschaft ein, watet durch mehr als kniehohe Farnfelder höher und höher bis zum O Cebreiro-Paß (1.300 Meter), dem Tor von Kastilien nach Galicien. Hier hat es kühle 18 Grad. Die Paßhöhe markiert ein schlichtes Steinkreuz, das den heiligen Jakob und die Gottesmutter zeigt. Von hier aus öffnet sich ein weiter Rundblick über die schroffe unwirtliche Bergwelt. So wurde schon im 9. Jahrhundert auf dem Paß ein Pilgerhospiz gebaut. Es entstand ein kleines Höhendorf. Die schmucke  Kirche mit einer Holzdecke im Basilikenstil ist umringt von strohgedeckten Bauernhäusern, Rundbauten, die an die Zeit der Kelten erinnern. Im Gotteshaus ist in einem schwarzen Schrein ein Meßkelch ausgestellt, in dem sich einst der Wein in Blut und die Hostie in Fleisch verwandelt haben sollen, weil der Priester sich über seinen einzigen Meßbesucher, einen Bauern, lustig machte.

Nach einer Rast in der modern ausgebauten  Herberge beginnt der Abstieg ins Tal, nach Galicien. Der steile feuchte Pfad, überall quillt Wasser aus dem Boden,  führt an Streusiedlungen vorbei, die wenigen Häuser massiv mit Schiefer gedeckt.  In Tria Castella, keine Landkarte kennt diesen Ort, führt ein Bauer gerade zum ersten Mal ein Fohlen aus dem Stall. Ich kann es bewundern und streicheln. Es steht auf dünnen Beinen.  „Tiene un mes – einen Monat ist es alt“, sagt er. Am Wegrand sitzt ein knorriger Alter. Er schnitzt Wanderstäbe, die er um einen Euro verkauft. Und es lohnt sich. Denn seit dem Paß ist der Pilgerstrom stark angeschwollen. Der Alte zeigt mit seinem Messer auf den mächtigen Kastanienbaum auf der anderen Straßenseite. Mehr als 1.000 Jahre soll er alt sein, der Stamm mehr als zehn Meter Umfang haben. Die Edelkastanie bildet hier ganze Wälder, manchmal abgelöst von Kieferhainen.

Nach dem Abstieg weitet sich das Tal und gibt den Blick frei auf eine weitere Perle am Camino, den gewaltigen Klosterkomplex von Samos mit seiner barocken Kirche und zwei Kreuzgängen, so breit, daß bequem ein Auto durchfahren könnte. Benediktinermönche

schalten und walten  hier. Ganz in der Nähe, an einem Fluß, halten wir im Freien Mittagsrast mit Weißbrot und Hartkäse. Und nach ein paar Scheiben von der würzigen Chorizo-Wurst mundet der Rioja ganz besonders.

Als wir uns der eher schmucklosen Kleinstadt Sarria nähern, ist das Thermometer auf 29 Grad Celsius geklettert. Fauna und Flora haben sich im Tal radikal verändert. Hier gedeihen Mais, Kartoffeln und Gemüse. Und in den Wäldern hat der fremde Eukalyptus die Vorherrschaft angetreten, als schnellwachsendes Holz für die Papierindustrie. Hier und da  sieht man die breite Krone eines Feigenbaumes. Die Schieferformationen sind endgültig verschwunden, die Füße treten auf grauen Granit, und die Häuser schmücken sich nun mit roten Tondächern. Merkwürdige Pfahlbauten inmitten von Wiesen ziehen den Blick an. Es sind Vorratsspeicher, wo Mais und Getreide gelagert wird, sicher vor Mäusen und Ratten.

Meist entlang der Straße geht es nach Palas de Rei, einen alten Marktflecken, völlig eingekreist von modernen Windmühlen. Ein gelber Wegweiser gibt an: 65 Kilometer nach Santiago. Das sind nur mehr drei Tagesmärsche.

Der Camino zwängt sich durch ein Straßendorf mit einem romanischen Kirchlein, fast am Ortsausgang. Hier ist auch der nächste Hinweis:  noch 51 Kilometer nach Santiago. Tausenden Wegweisern sind wir inzwischen gefolgt, auf den Boden gepinselt, in  Meilensteine gemeißelt,  auf Hauswände gemalt,  auf  Straßenschildern und  Bäumen angebracht. Hoch zu Roß traben zwei Spanier vorbei. Sie haben das selbe Ziel: das Apostelgrab. Und auf den weiten Wiesen ringsum grasen, ein merkwürdiger Anblick, schwarzbunte Holsteinrinder, deutsche Hochleistungskühe mit schweren Eutern.

Das Grab des heiligen Jakobs soll zur Zeit Karls des Großen von einem Einsiedler, geführt von Lichterscheinungen, gefunden worden sein. Der Apostel war als Glaubensverkünder in Spanien total gescheitert. Nicht mehr als eine Handvoll Menschen soll er überzeugt haben. So kehrte er zurück nach Jerusalem. Dort ließ Herodes ihn enthaupten. Das Christentum hatte seinen ersten Märtyrer. Und erst der tote Jakobus konnte bis in die Gegenwart Millionen von Menschen mobilisieren. Nach Rom und Jerusalem ist Santiago der bedeutendste Wallfahrtsort der Christenheit. Die Jünger des Apostels sollen seinen Leichnam wieder zurück nach Spanien gebracht haben.  Über dem wiederentdeckten Grab wurde die mächtige Kathedrale errichtet.

Endlich sind die gesichtslosen Randbezirke von Santiago durchquert, und durch die Porta do Camino nähern wir uns dem so lange angestrebten Ziel. Fast ungewollt beschleunigt man den Schritt, als würde der Apostel auf uns warten. Dann stehen wir auf der Praza do Obradoiro. Von allen Seiten strömen die Pilger zusammen und bestaunen die großartige Kathedrale mit ihren barocken  Türmen, der vorgesetzten Granitfassade und der breiten Treppe, die zum Portico de la Gloria führt. Die letzten Sonnenstrahlen treffen auf der Mitte des Platzes ein Mädchen in zerknitterten grünen Hosen und mit durchgeschwitzter Bluse. Sie bleibt stehen, wirft den Rucksack von sich, läßt sich rücklings auf den Boden fallen, streckt Arme und Beine aus. Ihr Hut kollert weg. So verharrt sie minutenlang. Sie ist geschafft, und sie hat es geschafft.

In der Kathedrale ist wenig Beschaulichkeit möglich. Man steht Schlange, um in der Krypta an einer silbernen Truhe vorbeizudefilieren, die die Gebeine des Apostels und zweier Jünger beinhalten soll. Doch die eigentliche Begegnung mit dem heiligen Jakob findet hinter dem Hauptaltar der Kathedrale statt. Über eine schmale Treppe steigen die Pilger hoch und legen der mit Silber, Gold und bunten Edelsteinen prächtig geschmückten Figur des Heiligen die Hand auf die Schulter. Sie beten und bitten, mir gelingt nur ein banales: „Da bin ich.“

Am nächsten Tag zu Mittag wird in der Kathedrale eine Pilgermesse gefeiert. Eine Nonne stimmt mit ihrem hellen Sopran als Zwischengesang ein Alleluja an. Die dicht gedrängten Pilger nehmen es auf. Es schwillt an zu einem Orkan des Jubels. Man spürt, wie Inbrunst und Freude aus ihnen herausbricht. Und deutlicher noch beim Friedensgruß nach dem Paternoster. Menschen umarmen einander, reichen einander mit strahlenden Gesichtern die Hände. Man ist am Ziel, befreit von Entbehrung und Mühsal. Die beiden jungen Frauen vor mir drehen sich um. Sie lächeln, ihre Augen glänzen, ein fester Händedruck. „Peace for you“, sagt die eine. Und es gibt auch eine kleine Enttäuschung. Bei diesem  Gottesdienst wurde der Botafumeiro, der riesige Weihrauchkessel, der im Querschiff an einem Seilzug hängt, nicht geschwungen. Seine gewaltigen Rauchmengen sollten die üblen Ausdünstungen ungewaschener Pilger übertünchen.

Und dann am nächsten Vormittag noch ein letzter Besuch in der Kathedrale, die ungemein mächtig und weitläufig wirkt. Sie ist nur Teil eines Gebäudekomplexes, der ein Kloster, den Bischofssitz und die Universität umfaßt. Vorne am Hochaltar zelebriert ein greiser Priester die heilige Messe. Das Gottesshaus ist erfüllt von einem fast unwirklichen Gesang. Ein gregorianischer Choral schwebt im Raum, erfüllt Geist und Seele mit heiterer froher Frömmigkeit. Was für ein Erlebnis. Die Sänger sind erst nach dem „Ite, missa es“ zu entdecken. Aus dem dunklen Chorgestühl treten Mönche in einem prächtigen Ornat heraus. Sie sind in dunkle Mäntel gehüllt, rot eingestickt ist das Templerschwert. Es sind wohl Christusritter, die Nachfolger des Templerordens.

Wer Santiago de Compostela, den locus sanctus, besucht hat, der wandert noch weiter nach Finisterre. Solange die Erde als Scheibe galt, war dort, am westlichsten Zipfel Spaniens, für die Menschen das Ende der Welt. Dahinter drohte der Absturz ins bodenlose Nichts. An diesem schaurigen Punkt sammelte man am Strand Muscheln. Sie dienten als Beweis für den Besuch am Jakobsgrab.

Das Wetter ist plötzlich gekippt. Es regnet in Strömen, die Temperatur ist auf 16 Grad gefallen. Auch unter der plastifizierten Regenhaut ist es unangenehm feucht. Wir gehen entlang der Costa de muerte, an der immer wieder bei schweren Stürmen Schiffe zerschellen. Zuletzt der Öltanker „Prestige“, dessen Auseinanderbrechen eine Umweltkatastrophe auslöste. Und wo es viel Wind gibt, drehen sich auch wieder mehr als 100  Windräder.

Bei der Mündung des Tambreflusses fallen die quadratischen künstlichen Muschelbänke auf, die die Fischer zum Züchten von Mies- und Jakobsmuscheln angelegt haben. Wir erreichen Muros mit seinem kleinen geschützten Fischereihafen, malerisch umrahmt  von einer Allee blühender Tamarisken. Das Kirchlein am Berg gleicht einem Panoptikum. Christus am Kreuz und die weinende Maria Magdalena wirken mit langen echten Haaren wie Wachsfiguren. Interessant auch das Ambiente von Carnota. Der Weg zum Kirchlein ist mit Grabplatten gepflastert. Die Maisspeicher beim Pfarrhof sind wieder Pfahlbauten auf dünnen Säulen, und der Friedhof des Ortes ist eine Merkwürdigkeit. Seine hohe und breite  Ummauerung besteht – bis zu vier Etagen – aus Grabstätten, deren Front wie eine Auslage gestaltet ist.

An der Küste wechseln schroffe steinige Ufer mit langgezogenen Sanddünen. Es reiht sich Bucht an Bucht, Ort an Ort. Dann endlich Finisterre. In Santiago herrschte aufgeregter Trubel, hier am Ort unter dem „finsteren Stern“, wie im Mittelalter ein Chronist falsch übersetzte, sind Stille und Einkehr. Jetzt ist der Weg zuende. Hinter dem Faro von Finisterre, am äußersten Felsrücken, 100 Meter über dem Meer, steht ein Steinkreuz mit einem Abbild des heiligen Jakobs. Hier sitzen viele mit gesenktem Haupt, andere blicken lange ins Meer hinaus.

Der öde steile Felsrücken läuft weit ins Meer hinein, von Schaumkronen markiert. In der Ferne verbindet sich der graue Himmel mit dem Meer zur Uferlosigkeit. Die durchbrechende Sonne vermag dagegen nichts. Niemand weiß, was Wolke, was Wasser, was Himmel ist – Unendlichkeit am Ende der Welt.

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