Loading the content... Loading depends on your connection speed!

Festrede 90 Jahre Burgenland-Kommers

Trianon-Karte, mit den Gebietsverlusten Österreich-Ungarns, und den neuen Staatsgrenzen in Mittel- und Osteuropa ab 1920/1921.

Trianon-Karte, mit den Gebietsverlusten Österreich-Ungarns, und den neuen Staatsgrenzen in Mittel- und Osteuropa ab 1920/1921.

von Jan Ackermeier

Hohes Präsidium, werte Festversammlung,

wir feiern heute einen Kommers im Andenken an die Angliederung des ehemaligen Deutsch-West-Ungarn als Burgenland an die neuentstandene Republik Deutsch-Österreich. Gleichzeitig feiern wir aber auch das einjährige Bestehen der jüngsten Pennalie in Österreich, die die Traditionen des Waffenstudentums im Burgenland weiterleben lassen will. Sie schließt damit eine schmerzliche Lücke in der Korporationslandschaft Österreichs, gab es zwar in der Vergangenheit bereits einige national-freiheitliche Schülerverbindungen im Burgenland, doch bestehen diese entweder nicht mehr, oder nur noch als Altherrenverband.

Wer das Burgenland der Länge nach, von Norden nach Süden, durchreist – etwa auf der Bundesstraße 50, als „Hauptschlagader“ des Landes –, der erlebt einen auffälligen ständigen Wechsel von hügeligem Bergland und Ebene. Und es ist immer das gleiche eigenartige Erlebnis, wenn wir über die Grenze hinweg blicken. Ob wir jetzt von den Hängen des Leithagebirges oder vom Ruster Bergland über den Neusiedlersee und den Seewinkel hinaus schauen oder vom Geschriebenstein, vom Eisenberg, vom Güssinger Bergland in die Ebenen an der Raab und der Rabnitz: da stehen wir auf den letzten Höhen des Westens, hinter uns das Land der Berge und der Wälder, das Vertraute, Heimatliche bergende, und spähen hinaus in die offenen Weiten des Ostens mit ihrer seltsamen Mischung aus Verlockung und Drohung, aus Abenteuer und Gefahr. In Friedenszeiten war hier der „Gartenzaun“ des Reiches, das Tor, die Brücke zum Südosten Europas. Wir haben manch Wertvolles von dort drüben übernommen; in viel größerem Maße waren wir Deutsche freilich die Gebenden. In Kriegszeiten aber – und meistens war Krieg! – verlief hier die „Hauptkampflinie“, der „Schützengraben“ des Abendlandes.

Erste Besiedlung

Der offene, fruchtbare, gut gangbare Grenzraum zwischen den feuchten Waldgebirgen des Westens und den trockenen Steppenebenen des Ostens hat seit jeher die Besiedlung und den Verkehr besonders angelockt. So sehen wir, daß schon in vorgeschichtlicher Zeit weite Teile des heutigen Burgenlandes dicht bevölkert waren, dichter als im Allgemeinen das benachbarte Niederösterreich und die Steiermark. Im Eisenstädter und Mattersburger Becken beispielsweise finden sich fast in jedem Ort Überreste aus der Jungsteinzeit, und auch die Burgställe von Eisenstadt, Donnerskirchen, Purbach und Ödenburg sind seit jener Zeit besiedelt und blieben es in der Folge, wenn auch die Völker kamen und gingen, die Menschen der Hallstatt-Kultur, der La-Tene-Kultur und später die Bojer und die Daker.

Damals entstand auch die Bernsteinstraße, der wichtigste Nord-Süd-Weg im ganzen östlichen Mitteleuropa. Von den Küsten der Ostsee kommend, zog sie sich durch die Mährische Pforte und entlang der March südwärts und überschritt bei Stopfenreuth-Deutsch Altenburg die Donau, wo schon zur Keltenzeit die Bergfestung „Carnuntum“ bestand, die später von den Römern in die Ebene hinab verlegt wurde. Von hier verlief die Straße weiter am Westufer des Neusiedlersees hin, um dann über Ödenburg (das römische Scarbantia) und Steinamanger (Sabaria) ostwärts durch die ungarische Ebene ausholend, über Pettau (Poetovio) und Laibach (Emona) und zuletzt quer über den Karst hinweg Oberitalien zu erreichen.

Das politische Kraftfeld Europas wurde damals bestimmt durch den Gegensatz zwischen dem Römischen Reich im Raum rund um das Mittelmeer und den germanisch-keltisch-illyrischen Völkern im Norden Europas. Die Spannung war also Nord-Süd-gerichtet, das Burgenland daher weniger Grenzland als Durchzugsraum. Seine Stellung festigte sich, als um das Jahr 15 nach der Zeitenwende das Gebiet bis an die Donau in das Römische Reich eingegliedert wurde und nun die – militärisch verwaltete – Provinz Oberpannonien mit der Hauptstadt Carnuntum bildete. Während die Donaulinie stark befestigt wurde, war das Burgenland friedliche Etappe. Bereits im Jahre 171 brachen jedoch erstmals die germanischen Markomannen und Quaden über die Donau vor und hielten auch das Burgenland eine zeitlang besetzt und stießen von hier aus bis nach Oberitalien vor.

Germanische Besiedlung

Bis ins vierte Jahrhundert versuchten die Römer noch unter großen Anstrengungen, ihre Herrschaft an der Donau zu erhalten und zu festigen, zuletzt unter Kaiser Valentinian ab 370.  Doch nach einem neuerlichen Quadeneinfall 374 siedelten die Römer 378 im Nord- und Südburgenland vom Osten gekommene (ostgermanische) Goten und mit diesen verbündete Alanen gegen die Verpflichtung zum Kriegsdienst an. 395 brachen abermals die Markomannen und Quaden ein und siedelten sich zwischen Wienerwald und Neusiedlersee an. Die germanische Besiedlung des Burgenlandes begann also bereits im zweiten Jahrhundert nach der Zeitenwende.

Im Jahre 433 wurde das damalige Pannonien offiziell vom Weströmischen Reich an die Hunnen abgetreten und die dort siedelnden Goten waren zu Gefolgschaft verpflichtet. Nach dem Tode Attilas 453 übernahmen die Goten wieder die Herrschaft in Pannonien. Ein Teil dieser Goten zog später Richtung Balkan, ein Teil  nach Gallien, ein Teil blieb zurück. In den freigewordenen Raum wanderten dann die Langobarden ein.

Wir sehen also, daß die ganze Völkerwanderungszeit hindurch das Burgenland und seine Nachbargebiete, also der ost-österreichisch-westungarische Raum, nie zur menschenleeren Öde geworden sind, und daß darüber hinaus die germanische Besiedlung sich wohl wandelte, aber niemals unterbrochen wurde.

Nach dem Untergang des Weströmischen Reiches stand das Land nacheinander unter dem Einfluß von Ostgoten, Awaren und des Frankenreiches (Awarenmark). Im 9. Jahrhundert war es Teil des slawischen Plattensee-Fürstentums und des Großmährisches Reiches. Während dieser Zeit herrschte eine slawische Oberschicht über die fränkisch-germanische Bevölkerung. Später wurden diese Fürstentümer in einer Art Protektoratssystem in das fränkische Reich Karls des Großen eingegliedert.

Madjarische Besitznahme

Um 907 wurde das Burgenland dann erstmals von den Madjaren in Besitz genommen. Bei der Schlacht bei Preßburg vernichteten die Madjaren den bairischen Heerbann und fegten alles hinweg, was auf burgenländischem und österreichischem Boden an deutscher, bäuerlicher wie verwaltungstechnischer und militärischer Organisation aufgebaut worden war. Wer Österreich überrannt hat, dem steht der Weg nach Westen offen: die madjarischen Heerscharen stießen bis Niedersachsen, bis an den Rhein, an die Seine und an die Loire, bis in die Provence und bis nach Unteritalien vor. Ein halbes Jahrhundert lang waren die Madjaren, wie einst ihre hunnischen Vorläufer die Geißel Europas – oder besser gesagt eine der drei Geißeln des Erdteils, der gleichzeitig von Süden her dem Zugriff der Sarazenen, von Nordwesten her den Raubzügen der Wikinger preisgegeben war.

Wieder ein halbes Jahrhundert später hatte sich das Heilige Römische Reich unter den Sachsenkaisern ermannt und gefestigt, und 955 wurden die Madjaren durch Otto I., den Großen, in der Schlacht auf dem Lechfeld entscheidend geschlagen. Sie zogen sich zurück und wurden in der Folge seßhaft. Das Burgenland blieb vorerst Niemandsland und wurde erst um das Jahr 1000 herum wieder deutsch besiedelt. 1043 wurde die Leitha offiziell als Grenze zwischen Österreich und Ungarn festgelegt, aber das Burgenland blieb vorläufig noch immer herrenloser Raum, Einöde aus Wald, Sumpf und Steppe, in der die dezimierten Überreste der alten germanischen und slawischen Bevölkerung ihr Leben fristeten. Inoffiziell Heanzenland, Heinzenland oder Deutsch-Westungarn genannt. Als „Heanzen“ bezeichnete man die im 11. Jahrhundert aus Bayern eingewanderten Bauern dieses Landesteiles, mit ihrem eigenen Dialekt.

Im 12. Jahrhundert hatte sich der Herrschaftsbereich der Babenberger in Österreich gefestigt und abgerundet: 1156 hatte Heinrich Josomirgott die Herzogswürde erlangt, nachdem er zuvor das ganze oberösterreichische Gebiet von der Enns bis zum Hausruck mit seinem Stammland vereint hatte; 1192 war auch die Steiermark an die Babenberger gefallen. Damit ging Hand in Hand der Ausbau und Abschluß der Besiedlung und die Befestigung des Landes bis an die March und die Leitha.

Auf der anderen Seite der Grenze trachtete man ebenfalls nach einer Machtfestigung. Zur Zeit der größten Macht der ungarischen Oligarchen beherrschte Matthäus Csák den Norden des Landes und den Süden die Herren von Güns aus dem Geschlecht der Héder. Die Héder besaßen am Höhepunkt dieser Epoche mehr als 25 Burgen und Schlösser. Im Spätmittelalter war ein Teil Westungarns an Österreich verpachtet; die Habsburger trachteten jedoch danach, dieses Gebiet dauerhaft mit Österreich zu verbinden. So schlossen sie 1459 das spätere Burgenland einseitig an Österreich an. Der daraus entstandene militärische Konflikt mit der ungarischen Krone wurde 1462 durch den Frieden von Ödenburg beendet: König Matthias Corvinus verband das Gebiet wieder mit Ungarn.

1526 erbten die Habsburger die Krone Ungarns; beherrschen konnten sie Ungarn aber nur, soweit es nicht grade von den Türken besetzt war. Mit dem Beginn der Habsburgerherrschaft in Ungarn war der Grenzkonflikt in Westungarn für lange Jahrhunderte zu Ende.

Nach 1626 gelangten große Teile des heutigen Burgenlandes unter die Grundherrschaft der ungarischen Familien Esterházy und Batthyány. 1647 gerieten auf Weisung Kaiser Ferdinands II. in seiner Eigenschaft als König von Ungarn dann auch alle noch bis dahin unter österreichischer Verwaltung gestandenen westungarischen Herrschaften unter ungarische Verwaltung.

1683 wurden während der Zweiten Wiener Türkenbelagerung viele Gemeinden des heutigen Nordburgenlandes verwüstet.

Ruhezeit

Das 18. und das beginnende 19. Jahrhundert waren für das Burgenland eine schöpferische, eine geruhsame, eine geradezu paradiesische Zeit. Erstmalig in seiner Geschichte war das Land nicht Grenzzone, Kampfraum, Frontgebiet. Wohl wetterleuchtete es gelegentlich einmal. Als 1805 und 1809 die Franzosen unter Napoleon nach Wien kamen, erwog man, die Linie Parndorf – Neudorf – Gattendorf – Karlburg zu befestigen bzw. die „Alte Schanze“ zwischen Neusiedl und Petronell wiederzubeleben. Wohl zogen 1809 die Armeen durch das Land, Freund und Feind, aber der angerichtete Schaden war unerheblich. Und als im Revolutionsjahr 1848 die aufständischen Ungarn gegen Wien vorrückten, da bezogen die kaiserlichen Truppen ein Lager bei Bruck und die Ungarn eines bei Parndorf, hüben und drüben wurde geschanzt und gegraben, es kam zu Gefechten bei Neudorf und bei Neusiedl, bei Halbturn und bei Wieselburg; doch auch dies alles blieb eine bedeutungslose Episode. Es waren ganz andere Kräfte, die schließlich den Frieden zerstörten, eine ganz neue Form des Kampfes in das Burgenland trugen, eine Kampfform, die wohl weniger blutig war als die Vergangene, aber um nichts weniger erbittert und schmerzlich.

Das mit dem Geist der Befreiungskriege so hoffnungsvoll begonnene 19. Jahrhundert führte die Völker Europas tief in tragische Verstrickungen, eine Entwicklung, unter der die Deutschen in der Habsburgermonarchie besonders schwer zu leiden hatten. Da war einerseits das nur durch „deutsche geistige Geburtshilfe“ zustandegekommene nationale Erwachen der verschiedenen kleinen – vorwiegend slawischen – Völkerschaften im Osten Mitteleuropas, die bis dahin mehr oder weniger geschichtslos dahingedämmert hatten und sich nun vorwiegend gegen ihre bisherigen deutschen Führer und Lehrer auflehnten. Und da war die leidige Rivalität innerhalb des deutschen Volksraumes zwischen Österreich und Preußen, die immer mehr einer Katastrophe zustrebte. Beides, in unheilvoller Weise miteinander verbunden, war das Mühlsteinpaar, zwischen dem Deutsch-Österreich zerrieben wurde. Die auf weite Sicht für die Deutschen in Österreich verhängnisvolle Politik Preußens unter Bismarck brachte 1866 die gewaltsame Lösung: auf dem Schlachtfeld von Königgrätz brach nicht nur die alte kaiserliche Armee zusammen, nicht nur ein tausend Jahre alter Staatsgedanke, sondern auch die tausend Jahre alte Stellung des Deutschtums im europäischen Südosten.

Hintergründe

Durch den Hinauswurf Österreichs aus dem Deutschen Bund wurden die Deutschen der Habsburgermonarchie zu einer Minderheit im eigenen Staat; ihnen stand eine erdrückende Mehrheit mehr oder weniger feindseliger fremder Völker gegenüber. Und der militärischen Katastrophe von 1866 folgte ein Jahr später zwangsläufig die politische: der sogenannte „Ausgleich“ mit Ungarn, der die beiden Reichshälften praktisch trennte – nur die Person des Herrschers, die auswärtige Vertretung, die Finanzen und (teilweise) das Heer blieben gemeinsam – und der nun jenseits der Leitha dem madjarischen Nationalchauvinismus gegen alle andersprachigen Minderheiten freie Hand gab.

Da kam nun für die Burgenländer genau so wie für die „Sachsen“ in Siebenbürgen und die „Schwaben“ in der Batschka, Für Banater und Zipser, für die siebenbürgischen „Walachen“ und die oberungarischen Slowaken, für Kroaten und Ukrainer wohl eine Zeit der äußerlichen Ruhe, aber dafür einer umso härteren inneren Unterdrückung. Es war kaum anders, als später in Südtirol unter Mussolini: vom Unterricht in der Volksschule über die Amtssprache bei Behörden und Gerichten bis zu den Orts- und Ankündigungstafeln wurde alles rein und ausschließlich ungarisch. Wer es zu etwas bringen wollte, mußte ungarisch reden, sich als Ungar fühlen, seinen Namen madjarisieren – und das in Ortschaften und Gegenden, wo seit Menschengedenken kein Ungar gelebt hatte. Die bodenständige Bevölkerung des Burgenlandes deutschen wie kroatischen Volkstums litt in gleicher Weise unter diesem Entnationalisierungsdruck. Dabei erwiesen sich die Bauern in den Dörfern als weit widerstandsfähiger, verglichen mit der gesellschaftlichen Oberschicht, der Intelligenz, den Verwaltern und Lehrern, Pfarrern, Förstern und Ärzten. Aber der starke völkisch-politische Druck, der noch durch wirtschaftliche Maßnahmen verschärft wurde, machte sich in anderer Richtung verhängnisvoll Luft: in der erschütternd hohen Zahl von Auswanderern. Allein in den anderthalb Jahrzehnten von 1899 bis 1913 sind aus dem heutigen Burgenland 14.413 Personen nach Übersee gegangen, vor allem aus den südlichen Landesteilen, wo bis zu 15 Prozent der Bevölkerung abwanderten. Hauptziel der Auswanderer waren die Vereinigten Staaten.

Fehlende geistige Elite

Deutsch-völkische Gegenmaßnahmen, Versuche, die Madjarisierung zu verhindern, waren spärlich, kamen sehr spät und blieben wirkungslos. Es fehlte eben den burgenländischen Deutschen wie allen ihren Volkstumsbrüdern im ganzen ungarischen Raum – mit Ausnahme der Siebenbürger Sachsen – eine eigene geistige Führungsschicht. 1906 veröffentlichte ein Wiener Lehrer Josef Patry, Alter Herr der Wiener Teutonen, im „Alldeutschen Tagblatt“ einen Aufsatz „Westungarn zu Deutsch-Österreich“, in dem er die Angliederung der Komitate Preßburg, Wieselburg, Ödenburg und Eisenburg an die österreichische Reichshälfte forderte. Im selben Jahr wurde der „Verein zur Erhaltung des Deutschtums in Ungarn“ gegründet. Die Antwort darauf war das ungarische Schulgesetz von 1907, das eine totale Madjarisierung des burgenländischen Schulwesens erzwang.

Es erhebt sich hier die Frage, warum die deutsch besiedelten Gebiete Westungarns nicht schon längst einmal, im 16., 17. oder 18. Jahrhundert, an Niederösterreich bzw. die Steiermark angegliedert worden sind. Nun, das rein dynastisch-staatliche Denken jener Zeit, das völlige Fehlen eines Volkstums- und Nationalempfindens im modernen Sinn ließ eine solche Maßnahme überflüssig erscheinen, einen Gedanken daran gar nicht aufkommen, war doch beiderseits der Grenzlinie in gleicher Weise habsburgisches Gebiet. Die Grenze zwischen dem Burgenland und Alt-Österreich, im Mittelalter eine Staatengrenze erster Ordnung, eine Grenze, um die ständig gerungen, die in ständiger Veränderung war – sie wurde schlagartig bedeutungslos in dem Augenblick, da Ungarn an die Habsburger fiel. Daher auch der komplizierte Verlauf dieser Grenze zwischen Cis- und Transleithanien, hin und her springend zwischen Hainburger Bergen, Leithafluß, Leithagebirge und Rosaliengebirge, sinnlos und unnatürlich sowohl von der physischen wie von der Völkergeographie her – bloßes fixiertes Bild eines vom Zufall herausgerissenen historischen Zeitpunktes, wie so viele der heutigen Staatsgrenzen in Europa. Aber für die Madjaren war diese Linie nun einmal eine heilige unverrückbare Grenze, bis zu der nicht nur alles Land der ungarischen Krone unterstand, sondern auch alle Menschheit der ungarischen Nation zugehörig zu sein hatte.

Das Ende der Monarchie

Als aber gegen Ende 1918 die Habsburgermonarchie zu zerbröckeln begann, wurden auch die Stimmen im Burgenland immer lauter, die entweder einen Anschluß der deutschsprachigen Gebiete an die Steiermark oder zumindest für sie eine Kulturautonomie innerhalb des unveränderten ungarischen Staatsgebietes forderten. Die provisorische Nationalversammlung Deutsch-Österreichs bekundete in ihrer Staatserklärung vom 22. November 1918: „Die geschlossenen deutschen Siedlungsgebiete der Komitate Preßburg, Wieselburg, Ödenburg und Eisenburg gehören geographisch, wirtschaftlich und national zu Deutsch-Österreich und stehen mit ihm seit Jahrhunderten in innigster wirtschaftlicher und geistiger Gemeinschaft.“ Deutsch-Österreich forderte von Ungarn 399 Gemeinden mit 5.800 qkm Bodenfläche – aber es blieb vorerst bei der Forderung. Deutsch-Österreich forderte ja auch die sudeten­deutschen Gebiete, die deutsche Untersteiermark und Deutsch-­Südtirol. Und ebensowenig wie die Tschechen, die Slowenen, die Serben und die Italiener dachten je Ungarn daran, diese berechtigten Forderungen zu erfüllen — allen schönen Phrasen vom eben verkündeten „Selbstbestimmungsrecht der Völker” zum Hohn. Die Ungarn waren vielmehr empört über den „Verrat” ihrer bisherigen österreichischen Bundes­genossen, über die „Raubgelüste” des „besiegten” Österreich — ihre Antwort war das klassische „nem, nem, soha!” („nein, nein, niemals!”) — und als im September 1918 in Mattersburg spontan eine „Republik Heinzenland” ausge­rufen wurde, machte ungarisches Militär dieser mit Waffen­gewalt ein rasches Ende.

Die Lage wurde noch dadurch verwirrt und erschwert, daß in Ungarn im März 1919 die Kommunisten unter Bela Kun die Macht an sich rissen und ein blutiges Schreckensregiment errichteten. Dies gab den Tschechen einen billigen Vorwand, einzumarschieren und Preßburg zu besetzen, die Große Schütt­insel und den Eisenbahnknotenpunkt Engerau; letzterer sollte als Brückenkopf dienen für einen nach Süden vorzutreibenden Verbindungskorridor nach Jugoslawien. Die Tschechen forderten den Großteil der deutsch- bzw. gemischtsprachigen westungarischen Komitate; die hier in Sprachinseln verstreut sitzenden Kroaten wurden dabei wohl heftig als Slawen vereinnahmt, jedoch nie nach ihren eigenen Wünschen gefragt.

Im Juli 1919 gelang es „weißen” ungarischen Truppen unter dem Vizeadmiral Nikolaus von Horthy mit rumänischer Hilfe, die kommunistische Regierung zu stürzen und in Ungarn wieder Ordnung herzustellen. Gegen die tschechischen wie gegen die österreichischen Forderungen fand Ungarn nun Unterstützung durch Italien.

Rest-Burgenland an Österreich

Österreich mußte nicht nur auf das ganzem Preßburger Gebiet verzichten, sondern auch auf alle großen deutschen Städte süblich der Donau, auf Wieselburg, Güns, Steinamanger, Eisenburg. Das ursprüngliche „Vier­burgenland” war zu einem „Dreiburgenland” zusammenge­schrumpft, und als dieses im Friedensdiktat von St. Germain am 2. September 1919 endlich offiziell Österreich zugesprochen wurde, umfaßte es nur mehr 4.312 qkm mit 341.000 Ein­wohnern, also knapp drei Viertel der ursprünglich geforderten Fläche und etwas mehr als die Hälfte der ursprünglichen Bevölkerung.

Jedoch auch nur dieses verstümmelte Rest-Burgenland an Österreich abzutreten, waren die Ungarn vorläufig in keiner Weise gesonnen. Dabei wurde ihnen der Rücken nicht nur von Italien und Frankreich gestärkt, sondern auch von gewissen Kreisen in Österreich, denen erhoffte wirtschaftliche Vorteile oder der nebelhafte Plan einer Donauföderation wichtiger erschienen als die Eingliederung des alten deutschen Grenzlandes. Zwei Jahre vergingen mit diplomatischem Tau­ziehen und Kuhhändeln aller Art. Und als schließlich im Mai 1920 die Botschafterkonferenz in Paris den Ungarn die Räumung des Burgenlandes in aller Form befahl, ant­worteten diese mit der Aufstellung von Freiwilligenformatio­nen gegen Österreich.

„Die Bevölkerung Westungarns steht treu zu Ungarn und ist bereit, mit der Waffe in der Hand gegen eine Loslösung von ihrem alten Vaterland zu kämpfen”, hieß es in einem der Aufrufe. In Wirklichkeit dachte freilich kein Burgen­länder daran, die Waffen gegen Österreich zu ergreifen, viel­mehr machte der Anschlußgedanke rasche Fortschritte, während die sogenannten „westungarischen” „Freiheitskämpfer”, die sich jetzt der Herrschaft im Burgenland bemächtigten, fast durchwegs aus Innerungarn kamen.

Gendarmarie und Zoll als Grenzschutz

Die österreichische Regierung wollte auf keinen Fall eine gewaltsame Besetzung des Burgenlandes; der Eindruck einer militärischen Operation sollte um jeden Preis vermieden werden. So kam es, daß Ende August 1921 Gendarmerie und Zollwache in das Burgenland einrückten, völlig kampfunerfahrene und auch in keiner Weise für einen Kampf aus­gerüstete Verbände, insgesamt etwas über 1.000 Mann. Im Nord- und Mittelburgenland, wo die Spannungen zwischen Horthy- und Habsburg-Freischärlern groß waren, und die Ungarn außerdem ein Eingreifen der Tschechen von Preßburg her fürchteten, verliefen die Aktionen der österreichischen Exekutive am Anfang ohne Störungen, aber schon der Abend des ersten Tages brachte Gefechte mit Freischärlern im See­winkel und zwischen Eisenstadt und Ödenburg, worauf der Vormarsch zum Stehen kam. Im Südburgenland stießen die Österreicher sofort auf heftigen Widerstand und erreichten nirgends ihre Marschziele.

Ungarische Freischäler dringen ein

Während die Militärkommissionen der Alliierten — Italie­ner, Franzosen, Engländer — sich als völlig machtlos erwiesen und der österreichischen Regierung nur den Rat zu geben wußten, nicht weiter vorzurücken, wuchs den ungarischen Freischärlern der Mut und sie fielen an verschiedenen Stellen auch in die niederösterreichischen und steirischen Grenzgebiete ein. Das österreichische Bundesheer war zu jenem Zeitpunkt erst im Aufbau; seine Schlagkraft wurde von den Politikern nicht hoch eingeschätzt, daher zögerte man, es zu verwenden. Immerhin wurde es in Alarm versetzt und entlang der Grenze als Sicherung aufgestellt.

In der Folge mehrten sich sowohl die Überfälle gegen die noch im Burgenland stehenden österreichischen Gendarmen und Zollwächter als auch die Zwischenfälle an her steirischen und niederösterreichischen Grenze: Posten wurden überfallen, Bahnlinien unterbrochen, Vieh geraubt, Zivilisten terrorisiert. Höhepunkte bildeten die Überfälle der ungarischen Freischärler auf Fehring am 1. September und auf Bruck an der Leitha am 24. September, vor allem aber am 5. September auf Kirchschlag am Wechsel, wo sich ein richtiges Gefecht ent­wickelte. Während sich in allen diesen Fällen an der Grenze das junge österreichische Bundesheer gut bewährte, brach das Sicherungssystem der Gendarmerie und Zollwache im Lande selbst bald völlig zusammen, sei es, daß diese Verbände kämpfend den militärisch stark überlegenen Freischärlern weichen mußten, sei es, daß sie, kämpferisch  überfordert, sich in Flucht und Meuterei auflösten. Die schweren Kämpfe zwischen Ödenburg und Eisenstadt am 8. September 1921 haben der Kampfmoral der Gendarmen den Rest gegeben, und bis zum 9. September war das Burgenland von den Österreichern wieder gänzlich geräumt. Immerhin haben die Gendarmen und Zollwächter in diesen Kämpfen 15 Tote und 47 Verwundete gehabt. Vom Bundesheer fielen 28 Soldaten und 48 Verwundete forderten die Kämpfe, außerdem gab es fünf Tote und acht Verwundete unter den Zivilisten.

Da sowohl die Alliierten als auch die österreichische Regie­rung von einem Einsatz; des Bundesheeres nach wie vor nichts wissen wollten, konnten die Freischärler also nun, in sechs Korps gegliedert, in Ruhe das ganze Burgenland besetzen und dort neuerlich eine durch Terror und Erpressung untermauerte heftige Propagandatätigkeit gegen den Anschluß an Österreich entfalten. Nach einer kurzen Ruhepause flackerten auch die Zwischenfälle an der alten Reichsgrenze wieder auf.

Rückzug nur der regulären Truppen

Als dann am 22. September die Pariser Botschafter­konferenz ein energisches Ultimatum an die ungarische Regierung richtete, zog diese wohl alle noch im Burgenland befindlichen regulären Truppen zurück, die Freischärler aber blieben im Land, rissen jetzt alle Macht an sich und riefen — mit stillschweigender Billigung von Budapest — am 4. Oktober in Oberwart den „unabhängigen Staat Leitha-Banat” aus. Dessen sogenanntes „Staatsoberhaupt” war der Husarenoberstleutnant Paul von Pronay als Oberbefehls­haber der Freischärler. Die sogenannte „Regierung” bestand ausschließ­lich aus Freischärler-Offizieren und einigen landfremden ungarischen Beamten. Sogar eigene Briefmarken hat dieser „Staat” produziert.

Unruhen in Ungarn infolge einer neuerlich versuchten Habs­burger-Restauration brachten schließlich die Lösung der ver­fahrenen Lage. In den Verhandlungen von Venedig vom 11. bis 13. Oktober verpflichtete sich Ungarn, das Burgen­land endgültig zu räumen und für seine ordnungsgemäße Übergabe an Österreich zu sorgen.

Volksabstimmung in Ödenburg

Plakat des "Ödenburger Heimatdienstes" anläßlich der Volksabstimmung von Ödenburg am 14. Dezember 1921.

Plakat des "Ödenburger Heimatdienstes" anläßlich der Volksabstimmung von Ödenburg am 14. Dezember 1921.

Dafür willigte Österreich in eine Volksabstimmung in Ödenburg und acht benachbarten Landgemeinden ein; das „Leitha-Banat” wurde am 6. November offiziell aufgelöst. Während die im Burgenland verblie­benen Teile der Freischaren dort mit zahlreichen Schießereien, Plünderungen und anderen Gewalttaten chaotische Zustände hervorriefen, wurde nun endlich dem österreichischen Bundesheer — 3.200 Mann der Befehl zum Einmarsch gegeben. Dieser vollzog sich planmäßig; vom 13. bis 17. November wurde das Nordburgenland besetzt, vom 25. bis 30. das Mittel- und Südburgenland; mit dem endgültigen Anschluß an Österreich war überall „Ruhe und Ordnung“ wiederhergestellt.

Die Freischärler konzentrierten sich nun auf das noch von den Alliierten besetzte Ödenburg und setzten dort ihre „Werbung”, zu deutsch, ihren Terror, in verstärkter Form fort — das ging so weit, daß von ihnen sogar sechs der Waffenstillstandskommission angehörige italienische Soldaten ermordet wurden! Der Schwindel um die sogenannte Öden­burger „Volksabstimmung” dürfte hinlänglich bekannt sein. Der italienische Vorsitzende der Abstimmungskommission hat es denn auch unverhohlen ausgesprochen, „Es handle sich nur darum, einen legalen Akt für den Verzicht zu setzen, den man Österreich bereits abgezwungen hatte”. Und man versteht es, wenn nach all den „Vorbereitungen” durch Terror, Gewalt und Wahlfälschung das Ergebnis der Abstimmung — 65 Prozent für Ungarn, 35 Prozent für Österreich — von den Ungarn selbst als „nicht gerade schön”, ja als „nieder­schmetternd” bezeichnet wurde.

Es dauerte noch lange, bis das Land endlich zur Ruhe kam; noch im Juli 1922 erfolgte ein größerer Bandeneinfall bei Hagendorf und Luising, den nun die im Burgenland selbst aufgestellten Grenzschutzeinheiten des Bundesheeres abwehrten. Und es bedurfte noch jahrelanger Verhandlungen und Abstimmungen, bis das seines natürlichen Schwerpunktes Ödenburg beraubte Land sich auf Eisenstadt als Hauptstadt geeinigt hatte. In der Zwischenkriegszeit wuchs das Burgenland wohl mit dem übrigen Staat, dem alten Rumpf-Österreich zusammen, blieb aber noch immer „ferner Osten“. Unter der Weltwirtschaftskrise hatte das überwiegend bäuerliche Land wohl weniger zu leiden als andere Teile Österreichs, dafür machte der Ausbau und die Modernisierung etwa der Straßen oder der Schulen umso langsamere Fortschritte. Und im übrigen währte dieses friedliche Zwischenspiel wieder einmal nur zwei Jahrzehnte.

Zwischen Tourismuskitsch und Unverdorbenen

Heute ist das Burgenland ein beliebtes europäisches Reiseziel und wird in farbenprächtigen Prospekten angepriesen: Wein, Paprika und Kukuruz, Schilf und See, Zigeunermusik und Pusztamelancholie, Störche und Reiher und Pferde – ein romantisch-idyllisches, prickelnd fremdartiges und doch durchaus noch recht komfortables westeuropäisches Touristenparadies. Aber unter dem Ansturm von Fortschritt und Moderne verliert das Land mehr und mehr sein altes gewachsenes eigenes Gesicht. Die typischen Dorfbilder mit den langen Zeilen malerischer Giebelhäuser verschwinden und machen nüchternen Bauklötzen mit viel Glas, Beton und Plastik Platz, an Stelle manches alten Bildstocks reckt sich eine steinernde Gedärmverwicklung aus den Brutstätten des Kulturbolschewismus hervor. Das stimmungsvolle Seeufer bei Podersdorf ist einem lärmerfüllten Strand-Rummelplatz gewichen und jedes gemütliche Dorfwirtshaus wird zu einer „Puszta-Diele“ umfunktioniert. So zahlt also auch das Burgenland heute seinen Zoll an das Wirtschaftszeitalter mit all seinem Zubehör, an die geistig-seelische Wohlstandverwahrlosung des europäischen Abendlandes.

Dennoch: wer das Burgenland und seine Menschen näher kennenlernt, wer unter die neue Kruste eindringt, merkt bald, wieviel Gesundes, Starkes, Unverdorbenes hier noch immer in vollem Saft steht, wie in so manchen grenzdeutschen Stämmen.

Waffenstudententum im Abriß

Und dazu zählen auch die deutschbewußten Traditionen unserer Pennalien an den höheren Schulen. Naturgemäß kam es erst relativ spät zu Gründungen von Schülerverbindungen im Burgenland. Vor dem Anschluß an Österreich war an eine Gründung nur im Geheimen zu denken; zu groß war der Madjarisierungsdruck, besonders auf die Schüler. Es soll aber bereits vor 1914 an der madjarischen Mittelschule in Ödenburg eine Pannonia mit grün-weiß-rot als Farben bestanden haben. Es bleibt allerdings das Verdienst der B! Germania Wiener Neustadt, daß sie das Entstehen der B! Deutsche Wacht im Jahre 1923 am Realgymnasium in Eisenstadt ermöglichte, mit der sie später ein dauerhaftes Kartell unterhielt. Dessen Wahlspruch hieß: „Alldeutschland die Hoffnung, Großdeutschland unser Ziel!“ Wenig später gründete sich auch in Oberschützen 1926 die B! Grenzwacht. Beide pennalen Burschenschaften existieren heute nicht mehr. Auch die späteren Gründungen waren nicht von langer Dauer oder sind heute aufgrund von Mitgliederschwund nur noch Altherrenvereine. Daher gründete sich vor einigen Jahren ein Arbeitskreis von Waffenstudenten aus den verschiedensten Korporationen, die das Pennalwesen im Burgenland wieder beleben wollten und vor einem Jahr die pennale B! Markomannia Eisenstadt gründeten, um die Lücke im österreichischen Waffenstudententum, die im äußersten Südosten besteht, zu schließen.

Dazu ist den Markomannen alles Gute und zahlreicher Nachwuchs zu wünschen, damit junge volksbewußte Männer, die die Reifeprüfung anstreben, eine geistige und bundesbrüderliche Heimat vorfinden und sich zu wertvollen Mitgliedern unseres Gemeinwohles entwickeln können und während ihrer Aktivzeit daran arbeiten können, den ursprünglichen Charakter ihrer Grenzheimat zu gestalten und gleichzeitig zu erhalten, in den Stürmen und Modergerüchen unserer heutigen Zeit. Das muffige Zeitgeistklima, in dem wir heute leben, braucht dringend frischen und starken Wind, den wir Waffenstudenten bringen wollen. Fernab jeglicher Denkverbote und politischer Korrektheit! Für Ehre, Freiheit und Vaterland!

 

Heil Markomannia!

 

 

Österreichische Landsmannschaft,
Fuhrmannsgasse 18a, 1080 Wien
Ruf +431 408 22 73
Fax +431 402 28 82

Powered by themekiller.com