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„Eine große Sünde”: Zum 100. Todestag von Karl May

von Wilhelm Brauneder

Karl May

Wer den Schwarzen „nicht für erziehungsfähig hält, wer ihm die besseren Regungen des Herzens abspricht, der begeht eine große Sünde nicht nur gegen die schwarze Rasse, sondern gegen das ganze Menschengeschlecht“: Nur wenige werden wissen oder zumindest ahnen, daß dieses Zitat von Karl May stammt, es ist übrigens um ähnliche zu vermehren.

Mays Ruf eines Abenteuerschriftstellers, der für die Jugend schrieb, läßt derartiges nicht vermuten. Was blieb in Erinnerung, warum wurde er gelesen?

Spannung durch Auflauern und Anschleichen, Gefangennahme und Befreiung, aussichtsloser Zweikampf und dennoch Sieg, erst Erfolge der Bösen und dann doch Sieg der Guten. Auch fremde Länder und Völker: Zur Zeit seiner Schriftstellerei und noch Jahrzehnte danach waren allein schon sie abenteuerlich, von Reisen, Urlauben, Kreuzfahrten in diese Länder oder zumindest am Bildschirm konnte so gut wie jeder nur träumen. May brachte – wie zahlreiche andere Schriftsteller auch – den Wilden Westen und das Wilde Kurdistan nicht nur in die gute Stube, sondern unter die Bettdecke, bei Lektüre im Taschenlampenlicht. Und wie gesagt: Ein Jugendschriftsteller, sodaß sich bis heute, wenn überhaupt, seine Werke in den Jugendbuchabteilungen der Buchläden und Bibliotheken finden.

May als Old Shatterhand

May als Old Shatterhand

Mays Intention war dies gar nicht. Seine bekannten „Reiseerzählungen“ schrieb er für Erwachsene, nur so verstehen sich vielerlei Passagen, über die Jugendliche hinweggeblättert haben und dies wohl immer tun werden, wie religiöse Reflexionen, Landschaftsbeschreibungen, Historisches. Das betrifft besonders das „Alterswerk“ im nahezu allegorischen Stil, ebenso seine Kolportageromane, die Jugendliche wohl erst gelesen haben, nachdem sie der Karl-May-Verlag entsprechend zurechtgestutzt hatte. Freilich, für die Jugend schrieb er auch, aber spezielle „Jugenderzählungen“ mit belehrendem Charakter wie etwa sein auflagenstärkstes Buch „Der Schatz im Silbersee“ (Niederösterreichs Landeshauptmann Erwin Pröll behauptete einmal, es sei das einzige Buch, welches er je gelesen habe).

May schrieb vieles in der Ich-Form, was ihm auf lange Sicht zum Verhängnis wurde. Das in fernen Ländern in allerlei Abenteuer verstrickte Ich, im Wilden Westen Old Shatterhand bzw. im Orient Kara Ben Nemsi genannt, war so für die Leser mit Karl May identisch, mit der Spätfolge, daß er, der nie Gereiste, als Schwindler und Aufschneider dastand. Dabei hat er seine Helden auch in dritter Person auftreten lassen, gerade in den Jugendschriften, und zahlreiche Abenteuer erlebten ganz andere Romanfiguren. Doch bleibt die „Old Shatterhand-Legende“ bis heute fester Bestandteil von Mays Biographie: Schließlich staffierte er nicht nur seinen Arbeitsraum mit den berühmten Gewehren Silberbüchse, Henry-Stutzen und Bärentöter aus, Fotographien zeigen den Reiseschriftsteller an seinem Schreibtisch vor Wild-West- und Orient-Utensilien wie etwa Balduin Möllhausen auch. Der Unterschied zwischen May und Möllhausen allerdings besteht darin, daß dieser den in einem Roman beschriebenen Schneesturm in der Prärie tatsächlich an Ort und Stelle erlebt hatte, May aber nicht.

Dennoch: Während meiner Gastprofessur in den USA vor mehreren Jahren kannte ich mich im Yellowstone-Nationalpark so aus, als wäre ich schon einmal dort gewesen, was May-Lektüre zu verdanken war, während diese bei anderen Schauplätzen etwa im flachen Kansas, wo May Berge und Schluchten mit Tunnels und Brücken ansiedelt, gar nicht stimmte. May hat nach Vorlagen gearbeitet, und die May-Forschung fördert immer mehr davon zu Tage. Etwa diskutiert Old Shatterhand mit dem Sheriff in Weston/Missouri dessen Befugnisse, die Worte entstammen eindeutig den Ausführungen über das Rechtswesen in Missouri in einem entsprechenden Auswandererhandbuch. Als Peter Rosegger für seine Zeitschrift „Heimgarten“ eine May-Erzählung erwarb, war er tief davon durchdrungen, der Verfasser müsse gereist sein. Als das Gegenteil aufflog, stand May als großer Schwindler da – unzählige Leser hatten an ihn als Abenteurer geglaubt -, aber für die Klügeren als das, was er war und blieb: ein „Dichter“, beispielsweise in den Worten von Heinrich Mann, als dieser erfuhr, May habe das Beschriebene nicht selbst erlebt. Dabei war May in die „Old Shatterhand-Legende“ mehr hineingeschlittert, als daß er sie bewußt erschwindelt hätte. Abgesehen davon, daß eine Art Leserbriefkastenkultur May zum tatsächlich Reisenden emporhob („May kann Ihnen nicht antworten, er ist auf Reisen“ etc. etc.), hat er sich beispielsweise über die Identifikationsunterstellungen in einer Skizze nahezu lustig gemacht und diese überschrieben mit „Freuden und Leiden eines Vielgelesenen“ – durchaus nicht also „eines Vielgereisten“. Den zunehmenden May-Rummel unterstützte er freilich zumindest durch seine Passivität. Als ihn bei einem Aufenthalt in München 1897 auf der Straße vor seinem Hotel eine Menschenmenge jubelnd belagerte, die Straßenbahn konnte nicht weiterfahren, hätte er da auf den Balkon hinaustreten sollen bzw. subjektiv können um zu erklären: „Ich habe nichts erlebt, alles erfunden“? Seine Behauptungen, er sei schon in jungen Jahren im Ausland gewesen, dann auch in „Amerika“, sind Wahrheit und Ulk zugleich: In der Nähe von Mays Geburts- und zeitweiligem Wohnort Hohenstein-Ernstthal verliefen zahlreiche Grenzen thüringischer Kleinstaaten, und am Horizont sah er den Hauptkamm des Erzgebirges mit der Grenze nach Österreich.

„Amerika“ lag für May eine starke Fußwanderung entfernt, so heißt nämlich eine Ortschaft am Fluß Mulde, warum ist unbekannt. Aufmerksame Leser hätten den Identifikationsschluß auch nie ziehen dürfen: May war nicht ganz 1,70 Meter hoch, Old Shatterhand beschreibt er ganz anders, andere Figuren, die er „einen Kopf kleiner“ schildert, müssen also Liliputaner gewesen sein! May hat in den Figuren, die allmählich zu einem „sächsischen Schriftsteller“, zu einem „Dresdner Doktor“ heranwachsen, durchaus nicht sich selbst porträtiert, sondern eine Figur geschaffen, die er vielleicht gerne gewesen wäre – ein Reiseschriftsteller eben. Mit einer entsprechenden inneren Einstellung war er übrigens ein typisches Kind des 19. Jahrhunderts, nämlich wissenschaftsgläubig bis in die Knochen. Buchwissen hielt er empirischem Wissen überlegen: „In meiner Heimat gibt es Bücher und Bilder über alle Länder und Völker der Welt. Durch diese lernt man die Völker zuweilen besser kennen als diejenigen, welche zu ihnen gehören“; oder: Die Franken „reden die Sprachen unseres Landes und haben so genaue Karten über dasselbe, daß sie oft die Wege besser wissen, als wir selbst“. Wozu also reisen? Reiseerzählungen ließen sich am Schreibtisch komponieren, man brauchte nur die entsprechende Literatur dazu – und die besaß May in reichem Maße. Erst im Alter ist er gereist, 1899/1900 nach dem Orient bis Sumatra und dies ganz so, wie es Kara Ben Nemsi stets abgelehnt hatte, nämlich beispielsweise in einer Luxuskabine. 1908 reiste er mit seiner zweiten Gattin Klara in die USA, blieb aber gleichfalls wie ein Luxustourist in den Oststaaten. Sein darauf aufbauendes Buch „Winnetou IV“ (späterhin „Winnetous Erben“) hat daher mit „den“ Winnetou-Bänden gar nichts zu tun und liest sich nicht nur für einen Jugendlichen fad.

May war ein Emporkömmling, aber von der positiv-guten Sorte. Geboren 1842 durchlebte er eine ärmliche Kindheit, womit er sich freilich von seiner nahen wie ferneren sächsischen Umgebung gar nicht so sehr unterschied: Immerhin besuchte er ein Lehrerseminar. Mißlich ausgelegte Umstände stempelten ihn früh zum Kerzen- und dann zum Uhrendieb, als welcher er seine erste Haftstrafe verbüßte. Er war nun sozusagen aus dem Tritt gekommen, der Lehrerberuf blieb ihm weiterhin versagt. Kleinere Delikte brachten ihn wieder mehrmals ins Gefängnis. Dabei hatte er Glück: 1869 betreute er in der Haftanstalt die Bibliothek und nutzte dies zu einem wohl nicht ganz koordinierten Literaturstudium, mehr aber noch, er beschloß Schriftsteller zu werden und hatte dafür Vorarbeiten geleistet. Ein „Repertorium“ hat sich erhalten, es verzeichnet Gelesenes und auch eine Romanskizze. In weiterer Haft verfestigte sich in ihm der Schriftstellerplan, dies auch unter der Fürsorge des katholischen Anstaltsgeistlichen. Der Protestant May konvertierte zwar nicht, propagierte aber ein Christentum, das ihm beispielsweise die Mitarbeit an katholischen Marienkalendern einbrachte: Sie hinterließ den Eindruck eines katholischen Schriftstellers. Doch damit hatte er letztendlich Pech, denn als er sich als Protestant entpuppte, verlor er bei dieser Gemeinde stark an Anhang, beispielsweise in Wien. Und schließlich holten ihn die erwähnten Haftstrafen ein. Sie lagen schon lange zurück, als mißliebige Schriftstellerkollegen und ein abgeblitzter Darlehensuchender sie publizierten. Eine ganze Reihe von Prozessen entwickelte sich nun, ein Fehlurteil bescheinigte ihm sogar, ein „geborener Verbrecher“ im Sinne einer entsprechenden Typologie zu sein. Da hinein mischten sich auch die Vorwürfe, in seinen Kolportageromanen unsittliche Passagen verfaßt zu haben, mangels noch vorhandener Manuskripte konnte er dies nicht eindeutig widerlegen, nur abschwächen. Um 1900 galt er jedenfalls als umstrittener Schriftsteller: heftig verteidigt und belobt von der einen, heftig verteufelt und gedemütigt von der anderen Seite.

Die Lebenskraft von Mays Werk ist erstaunlich. Echte Reiseschriftsteller wie etwa Gerstäcker und Möllhausen, ähnliche Romanciers wie beispielsweise Redcliffe und Krafft sind nahezu, andere völlig der Vergessenheit anheimgefallen. Dies liegt wohl nicht unwesentlich daran, daß May als „Dichter“ nicht durch die realen Erfahrungen der beiden Erstgenannten eingeengt, sondern vielmehr reichlich ungebremst drauflosfabulieren konnte: Eine Figur wie Winnetou, im deutschen Sprachraum nahezu das Synonym für Indianer, konnte nur so entstehen. Ein gewisser Anteil daran kommt auch dem Karl-May-Verlag in Radebeul, zu DDR-Zeiten nach Bamberg übersiedelt, zu, da dieser die verlagsmäßig verstreuten Werke Mays in den traditionellen „Grünen Bänden“ gesammelt hat und sie stetig noch vermehrt.

Abgesehen von allem, was dem Bereich der Dichterei zuzurechnen ist, wie Charakter-, Milieu- und Ereignisschilderungen macht den Reiz von Mays Werk für heute der Umstand aus, daß es ein Bild seiner Zeit zeichnet: die USA-Einwanderung, den Mahdi-Aufstand im Sudan, Unruheherde in Kurdistan und am Balkan, das Interesse an China, Schicksale in Sibirien, die Faszination der Eisenbahn, auch Historisches: die deutsch-französischen Kriege unter Napoleon I. und Napoleon III., Folgen der Revolution von 1848 und des Krieges von 1866, die Auseinandersetzung mit Dänemark um Schleswig-Holstein, den Schmuggel an der Grenze Österreich/Sachsen.

„Ich habe ein Faible für alle Österreicher“, äußert May in einem seiner Spätlingswerke. Orte im damaligen und auch heutigen Österreich gerieten für ihn zu Schicksalsräumen. Nach einer Flucht aus Polizeigewahrsam vagabundierte er im nachweislich strengen Winter 1869/70 durch Nordböhmen, wurde nächst Tetschen aufgegriffen und nach Sachsen zu seiner letzten großen Haftstrafe überstellt; im Jahre 1902 trennte er sich in einem Hotel am Mendel-Pasß nächst Bozen höchst unsympathisch von seiner ersten Frau Emma unter dem Einfluß seiner zweiten Frau Klara. 1898 weilte er für längere Zeit in Wien, erteilte hier im Hotel „Goldene Ente“ Ecke Riemergasse/Schulerstraße (am Gebäude sind heute noch die goldenen Enten zu sehen) geradezu Audienzen, verkehrte in reformkatholischen Kreisen, durfte auch am Kaiserhof „kleinen Prinzen“ vortragen, darunter dem späteren Thronfolger Otto.

Im März 1912 schließlich hielt er in Wiens Sophiensaal einen triumphalen Vortrag unter Anwesenheit seiner Brieffreundin Bertha von Suttner, der Ertrag kam dem Männerheim in der Meldemannstraße zugute, dessen nachmals berühmter Insasse Adolf Hitler wohl auch unter den Zuhörern saß. Der Vortrag wurde May zum Verhängnis: Als ursächlich oder jedenfalls mitursächlich führte die hier zugezogene Lungenentzündung nach einer Woche zu seinem Tod daheim in Radebeul.

Wie selten mit einem Schriftsteller, und schon gar nicht einem seines Genres, beschäftigte sich zunehmend die Wissenschaft mit Leben, Werk und dessen Rezeption. In der Zwischenkriegszeit noch eher zögerlich, aber nach 1945 in zunehmendem Maße. Die Karl-May-Gesellschaft Deutschlands zählt hier zu den größten literarischen Gesellschaften, Mitglieder kommen in reichlichem Maße auch aus der Schweiz und Österreich. Dissertationen beschäftigten sich zunehmend mit dem Thema Karl May, auch in Wien, jene von Viktor Böhm ist als Buch in zwei Auflagen erschienen. Wissenschaftliche Tagungen und populäre Veranstaltungen gehören heute sozusagen zum Karl-May-Alltag.

Allein für das laufende Gedenkjahr lassen sich bereits unzählige Veranstaltungen unterschiedlichster Art festmachen, gleich drei Biographien lagen schon 2011 vor. Fünf größere Periodika erscheinen regelmäßig, darunter der „Wiener-Karl-May-Brief“ der Wiener-Karl-May-Runde, die viermal im Jahr zusammenkommt. Mehrere Freilichtbühnen spielen Sommer für Sommer Karl May, zu den etwa zehn im deutschen Sprachraum zählen drei in Österreich: Gföhl und Winzendorf in Niederösterreich sowie Weitensfeld in Kärnten. Nicht immer entspricht das, was auf derartigen Bühnen unter einem Karl May-Titel angeboten wird, dem gleichnamigen Buch. Im Fernsehen schließlich zählen die Karl May-Filme der 1960er Jahre mit insbesondere Pierre Brice und Lex Barker zu immer wieder gespielten Filmklassikern. Die Fangemeinde dieser Filme pilgert seit Jahren jährlich zu den Drehorten in Kroatien auf den Fährten des Film-Winnetou und des Kamerateams. „Winnetouren“ führen in Amerikas Prärien. May-Sammelbilder gab es seit der Zwischenkriegszeit als werbende Zugaben zu Dutzenden von Produkten wie Putzmittel, Kaffee, Tee, Kaugummi, Margarine, Käse. Tourismusorte werben mit Mays oft nur vermeintlichem Aufenthalt.

Zu Mays heurigem 170. Geburts- und 100. Todesjahr läßt sich eines unumstößlich feststellen: Karl May lebt, insgesamt weniger als früher in seinen gedruckten Werken, aber doch äußerst lebhaft auch in anderen Medien.

Der Autor: o. Univ.-Prof. MMag. Dr. Wilhelm Brauneder war neben seiner Lehrtätigkeit auch Dritter Präsident des österr. Nationalrates. Er ist Mitglied der Wiener Karl-May-Runde und Autor des Buches “Karl May und Österreich” (Hansa Verlag, 1996).

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