Der kurze Tag der Freiheit
von Jan Ackermeier
Am 17. Juni 1953 erlebte die noch junge „DDR“ ihre erste Erschütterung durch ihre eigenen Einwohner, denn ein Streik der Bauarbeiter in der Ostberliner Stalinallee, die einmal ein Prunkstück des „real existierenden Sozialismus“ werden sollte, wuchs sich zum landesweiten Arbeiteraufstand aus.
Den Aufständischen wurden die verschiedensten Motive nachgesagt oder unterstellt. Während die SED-Führung von einem faschistischen Putsch sprach, interpretierte die westliche Welt den Aufstand als erstes Zeichen des Freiheitswillens in einem totalitären System.
Wirtschaftliches Grundprinzip in der „DDR“ war bis zu ihrem Ende im Jahre 1989 die zentrale Planung der Produktion und der Verteilung der Güter. Die Produktionsmittel und das Banksystem befanden sich in Staatshand. Entscheidend für die Lenkung der Wirtschaft waren die Vierjahrespläne, in denen die Betriebe Auflagen erhielten, welche Güter in welchen Mengen und zu welchen Preisen produziert werden sollten. Der Konsumbedarf der Bevölkerung wurde dann oftmals der möglichen Produktion untergeordnet. Oberstes Ziel der politischen Führung war die Erfüllung der in den Vierjahresplänen festgelegten Normen. Die Bürokratie, die die Volkswirtschaft koordinierte, sollte sich später als aufgeblasen und höchst uneffektiv entpuppen. Den Erfolg der Sollerfüllung prüfte die Planungsbehörde in regelmäßigen Abständen. Vielerorts gab es Abstimmungsprobleme zwischen den Zulieferern und den verarbeitenden Betrieben. Häufig geriet die Produktion ins Stocken, weil es an finanziellen Mitteln oder Güterzuteilungen fehlte. Nicht selten kam es zu Versorgungsengpässen, Mangel herrschte vor allem an Konsumgütern für das Volk.
Der Volksaufstand in der „DDR“ läßt sich nicht zuletzt auch auf diese wirtschaftlichen Gründe zurückführen. Es wurden in der Anfangszeit der „DDR“ tiefgreifende Veränderungen in Wirtschaft und Gesellschaft beschlossen. Unter anderem sollte die Kollektivierung der Landwirtschaft vorangetrieben und die militärische Aufrüstung in Angriff genommen werden. Auch die Zentralisierung des Staatsaufbaus war ein vorrangiges Ziel der „DDR“-Führung. Noch im Juli 1952 wurden die Länder in der „DDR“ aufgelöst und durch 14 Bezirke ersetzt. Der Beschluß zum Aufbau des Sozialismus war zuvor Stalin vom Politbüro der SED vorgelegt und vom Führer der Sowjetmacht am 8. Juli gebilligt worden.
Die Folgen der immer stärker vorangetriebenen Sowjetisierung waren eine schwere Ernährungskrise und ein Rückgang der industriellen Produktion. Viele vor allem junge Bürger verließen daraufhin die „DDR“. Die tiefen wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Einschnitte, die das Land untergruben, waren nicht mehr zu leugnen. Innerhalb der „DDR“-Führung aber reagierte man mit noch härteren wirtschaftlichen Maßnahmen: Im Mai 1953 wurde ein Gesetz zur Erhöhung der Arbeitsnormen um 10,3 Prozent verabschiedet. De Facto bedeuteten diese Beschlüsse mehr Arbeit für den Einzelnen bei gleichbleibender Entlohnung. Walter Ulbricht war von der Richtigkeit des politischen Kurses in der „DDR“ überzeugt. Er schätzte die Lage sogar als stabil ein. Doch schon im Mai kam es wegen der Normerhöhungen in Finsterwalde, Gotha, Hennigsdorf, Karl-Marx-Stadt, Nordhausen und Ost-Berlin zu Protesten, heftigen Auseinandersetzungen, Kurzstreiks und Arbeitsniederlegungen. Die Erhöhung der Arbeitsnormen sollte nach dem Willen der „DDR“-Führung jedoch nicht rückgängig gemacht werden.
Vor allem die Arbeiter fühlten sich durch diese Politik benachteiligt. Bereits am 15. und 16. Juni 1953 kam es zu Protesten und Warnstreiks. Unruheherd waren die Großbaustellen in Ost-Berlin rund um die Stalinallee. Schon bald wurde nicht nur die Rücknahme der Normenerhöhung gefordert, die Arbeiterschaft setzte sich jetzt auch für freie Wahlen, die Wiedervereinigung mit Westdeutschland sowie die Ablösung der Regierung unter Walter Ulbricht ein. Am nächsten Tag wurden die Demonstrationen fortgeführt. Die Aufstände griffen auf die gesamte „DDR“ über. In hunderten Orten wurde gestreikt und demonstriert. Schätzungsweise beteiligte sich jeder zehnte Arbeiter der „DDR“ an den Demonstrationen und Streiks. Die SED-Führung war hilflos und ließ den Aufstand schließlich von sowjetischen Truppen niederschlagen. Mindestens 55 Menschen kamen im Zusammenhang mit dem Aufstand ums Leben. Manche wurden auf den Demonstrationen von Volkspolizisten oder sowjetischen Soldaten erschossen, manche nach dem Aufstand zum Tode verurteilt, andere starben später im Gefängnis. Um nicht einen neuen Krieg zu riskieren, hatten – entgegen der Hoffnungen vieler Ost-Berliner – die Westmächte nicht eingegriffen und überließen die Aufständischen ihrem Schicksal. Es dauerte 36 Jahre, ehe die Flamme der Freiheit in Mitteldeutschland wieder aufloderte und diesmal für das Ende des SED-Unrechtsstaates sorgte.