Der Elysée-Vertrag vom 22. Januar 1963
Von Matthias Hellner

Charles de Gaulle und Konrad Adenauer
Das Verhältnis zwischen Deutschland und Frankreich begann sich erst Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges langsam zu verbessern. Zu groß war das über Jahrzehnte aufgebaute Mißtrauen. Schon in den Jahrhunderten vor der französischen Revolution kam es immer wieder zu Versuchen Frankreichs, in Deutschland Einfluß auf die Mittelstaaten auszuüben sowie durch territoriale Eroberungen und Erwerbungen im Elsaß unter Ludwig XIV. Reichsstand zu werden. Dabei kam es auch zu Brandschatzungen in der Pfalz und der Zerstörung der Stadt Heidelberg. Doch kann man dabei noch nicht von der später so vielbemühten „Erbfeindschaft“ sprechen. Wechselten doch die deutschen Staaten die Allianzen je nach politischer Wetterlage. So waren etwa die brandenburgisch- bzw. preußisch-französischen Beziehungen im 17. und 18. Jahrhundert fruchtbar auch über die rein staatlichen Verbindungen hinaus, die Aufnahme der Hugenottenflüchtlinge durch Preußen und die Jahre des Aufklärers Voltaires am preußischen Hofe zeigen die Vielfalt der Ebenen an, und auch die deutschen Mittelstaaten pflegten zu Frankreich vielfach gute Beziehungen, weil sie hier Schutz vor habsburgischer Dominanz suchten.
Die Revolution in Frankreich, bei der die Menschen- und Bürgerrechte verkündet wurden, und deren Gedanken der Freiheitsrechte wurden zwar auch diesseits des Rheins freudig begrüßt und begründeten Frankreichs Nimbus als zivilisatorische Führungsmacht in Europa. Allein der Verlauf der Revolution mit Massenhinrichtungen und der Versuch Napoleons, die Hegemonie Frankreichs mit militärischen Mitteln über ganz Europa auszubreiten, blieben als prägendes Frankreichbild nach 1815 erhalten. „Napoleon verschwand, der Revolutionsgedanke blieb“, faßte Leopold von Ranke die Befürchtungen der zumeist herrschenden Schichten in Europa zusammen.
Ebenso führte die Politik Napoleons III. Frankreich in den 1860er Jahren in die Isolation, und vor allem Österreich und Rußland betrachteten Paris zunehmend als einen Herd der Unruhe und als eine Gefahr für den Frieden und die Ordnung.
Der schnelle preußische Sieg über die deutschen Staaten 1866 und die Annexionen Preußens änderten das Deutschlandbild in Frankreich drastisch und führten zu einer antipreußischen Haltung, die die bis dahin antihabsburgerische Tendenz der französischen Politik ablöste. Nach dem Krieg 1870/71 wurde schließlich die Legende der „Erbfeindschaft“ geboren. Der französische Nationalstolz wurde tief verletzt, als die deutschen Fürsten am 18. Januar 1871 im Zentrum der französischen Kultur und Macht in einem feierlichen Akt im Spiegelsaal des Schlosses von Versailles den Deutschen Kaiser ausriefen und damit symbolisch das Deutsche Reich gründeten. In den Augen der Franzosen bedeutete dieser Akt, noch unterstrichen durch den Verlust Elsaß-Lothringens eine ungeheuerliche Demütigung. Das französische Selbstverständnis einer „Grande Nation“ und einer kulturellen und moralischen Führungsmacht der Zeit wurde schwer beschädigt. Frankreich wurde dadurch herausgefordert, für die Wiederherstellung und Reinigung dieses Selbstbildes vor der Welt eines Tages die Revanche zu suchen. Aber auch auf deutscher Seite wurde durch den Sieg und die Gründung des II. Reiches das Feindbild festgelegt. Beruhte die Reichsgründung doch auf keinem Ideal, außer der Einheit der deutschen Staaten, sondern auf der militärischen Macht und der Abgrenzung zum stolzen Nachbarn im Westen.

Die Vertragsunterzeichnung
Nach dem Ersten Weltkrieg, der im Westen hauptsächlich auf französischem und belgischem Territorium stattgefunden hatte, sah Frankreich endlich seine Chance für Revanche gekommen. Im Friedensdiktat von Versailles versuchte es daher, den Sieg machtpolitisch zu Lasten Deutschlands umzusetzen und forderte über Elsaß-Lothringen hinaus auch das Saargebiet, einen neutralen Rheinstaat mit dem Ruhrgebiet. Einen Rheinstaat gab es zwar nicht, doch Frankreich setzte weitere Gebietsabtretungen zugunsten Belgiens, Dänemarks, Polens und der Tschechoslowakischen Republik durch, die zum Teil in offensichtlichem Widerspruch zum Selbstbestimmungsprinzip der Völker standen. Alles galt dem Primat der Sicherheit Frankreichs und der Sicherung seiner Vormachtstellung in Europa. Allein, die französische Politik ging nicht auf. 1940 wurde Frankreich innerhalb weniger Wochen militärisch geschlagen und besetzt. Als am 26. August 1944 de Gaulle triumphal über die Champs-Elysées zog, war zwar das französische Selbstbewußtsein wiederhergestellt, als Besatzungsmacht in Deutschland war jedoch eine Teilung des Nachbarstaates ursprünglich der Kernpunkt der französischen Politik. Jedoch, der beginnende Kalte Krieg verhinderte dies. Die Blockbildung führte zwar zu einer Teilung Deutschlands jedoch drängten Großbritannien und die USA auf eine Einigung der Westzonen. Bedingt durch die westeuropäischen Sicherheitsinteressen kam es schließlich zu einer immer stärkeren Einbindung der jungen BRD in das westeuropäische Gefüge. Am 22. Januar 1963 schließlich wurde zwischen Konrad Adenauer und Charles de Gaulle ein Freundschaftsvertrag beschlossen, der die deutsch-französische Aussöhnung besiegeln und den Grundstein für intensiven, regelmäßigen Meinungsaustausch auf politischer und Verwaltungsebene sowie für Kontakte vor allem der Jugend und der Studierenden beider Länder legen sollte. Das Deutsch-Französische Jugendwerk erhielt einen Etat von 40 Mio. DM jährlich und organisierte allein zwischen 1964 bis 1968 Ca. 35.000 Treffen. 1966 bis 1983 nahmen ca. 5 Mio. junge Menschen aller Schichten unter der Ägide des DFJW am Austausch teil, und über 1.300 „Städtepartnerschaften“ wurden geschlossen, daneben traten zahlreiche bilaterale Komitees von Berufszweigen und Verbänden.