Das Spitzbubengrinsen des deutschen Films
Von Jan Ackermeier
Am 7. März 1902 wurde Heinrich „Heinz” Rühmann in Essen geboren. Er war den Deutschen der liebste Schauspieler, weil er in mehr als sechzig Bühnen- und Filmjahren in fast allen Rollen als der durchschnittliche, bescheidene kleine deutsche Mann brillierte, im komisch-rührenden Kampf mit den absurden, aber durchschaubaren Tücken des großen Schicksals („Schweijk”), der träumerischen Verhältnisse („Feuerzangenbowle”) oder auch nur des faszinierenden Objektes („Quax der Bruchpilot”).
Seine Eltern hatten im Frühjahr desselben Jahres die Bahnhofsgaststätte in Wanne gepachtet. Heute erinnert der Bahnhofsvorplatz als Heinz-Rühmann-Platz an diese Verbindung. Vor den Gästen des Lokals hatte Rühmann im Alter von ungefähr fünf Jahren seine ersten Auftritte, die er selbst als Urszenen seiner Karriere bezeichnete. Um seine Stammgäste zu amüsieren, holte Hermann Rühmann seinen Sohn regelmäßig abends aus dem Bett, um ihn auf der Theke Gedichte rezitieren zu lassen. Heinz spielte seine Rolle, wie man es von ihm erwartete, und genoß den Applaus seines Publikums.
Die Geschäfte der Bahnhofsgaststätte entwickelten sich sehr positiv, sodaß die Rühmanns 1913 das neueröffnete Hotel Handelshof in Essen mit Cafés, Restaurants, einem Weinsalon und verschiedenen Geschäften übernehmen konnten. Der wirtschaftliche Erfolg blieb jedoch aus, sodaß sie bereits Ende desselben Jahres Insolvenz anmelden mußten. In der Folge zerbrach die Ehe der Eltern, im März 1915 wurde sie geschieden. Hermann Rühmann zog nach Berlin, wo er wenig später wahrscheinlich Suizid beging. Die genauen Todesumstände konnten nie geklärt werden.
Heinz Rühmann fing 1920 in Breslau mit dem Theaterspielen an, wurde von Gründgens nach Berlin engagiert, kehrte nach dem Krieg in München auf die Bühne zurück, wo Kortner an den Kammerspielen mit ihm arbeitete.
Ende der 1920er Jahre wurde Heinz Rühmann zum erfolgreichen Bühnenschauspieler. Es folgten die ersten Einsätze in Stummfilmen. 1930 wurde Erich Pommer, zu diesem Zeitpunkt Produktionschef der UFA, auf ihn aufmerksam und lud ihn zu einem Vorsprechen für einen Tonfilm ein. Rühmann konnte dabei nicht überzeugen und wurde nicht engagiert. Hartnäckig arbeitete er daran, eine zweite Chance zu erhalten, die er schließlich bekam. Diesmal verkörperte er einen ungehorsamen Schüler im Streit mit seinem Lehrer. Damit überzeugte er Pommer, der ihm daraufhin mit der Rolle des „Hans“ neben Willy Fritsch und Oskar Karlweis eine der Hauptrollen in dem Film „Die drei von der Tankstelle” gab. Mit einer Einspielsumme von 4,3 Millionen Reichsmark wurde der Film zum erfolgreichsten Film der Saison. Rühmann war von da an in ganz Deutschland bekannt.
So drehte er seit den zwanziger Jahren fleißig Komödie um Komödie, eine Erfolgsreihe, die auch im Dritten Reich nicht abriß: Rühmann blieb bis Kriegsende einer der großen UFA-Stars. Den Applaus jener Jahre hatte er teuer bezahlt: 1934 brachten ihn die Nationalsozialisten dazu, seine jüdische Frau zu verlassen. Jahrzehnte später suchte sich Rühmann Figuren, die den Zwiespalt zwischen Zivilcourage und Autoritätshörigkeit ausloteten, den Hauptmann von Köpenick, den er 1956 spielte, und den gar nicht so braven Soldaten Schwejk. Der Komiker Rühmann neigte, je älter er wurde, immer mehr zu den resignierten Rollen, dem erfolglosen Vertreter Willy Loman im „Tod eines Handlungsreisenden” etwa, einem Charakter, der gar nicht weit von seinen früheren UFA-Kleinbürgern entfernt lag – nur fehlten ihm der Überlebenswille und der Pfiff. Loman war die verbitterte, enttäuschte und gealterte Kehrseite seiner Mustergatten und Briefträger. Rühmann versuchte erfolgreich, die unermüdliche Nettigkeit abzustreifen, die ihn so lange begleitet und sein Image geprägt hatte.
Der Regisseur Wim Wenders hat ihn, die lebende Legende, zuletzt noch einmal vor die Kamera geholt für seinen Film „In weiter Ferne, so nah” (1993), als melancholischen, greisen Chauffeur, der von jahrzehntealten Erinnerungen geplagt wird – eine Hommage des neuen deutschen Kinos an das alte und auch ein Abschied.
Im hohen Alter war Rühmann zu Schnörkeln und Besänftigungen längst nicht mehr bereit: Er sei nicht mit Absicht 90 geworden, sagte er anläßlich seines runden Geburtstags, und er „habe nichts unternommen, es unbedingt zu werden”. Heinz Rühmann starb am 3. Oktober 1994 in seinem Haus am Starnberger See.