Brasilien ist 190 Jahre alt
Von Franz Rader

Pedro Alvares Cabral
Am 7. September jedes Jahres begeht das fünftgrößte Land der Erde, das nahezu die Hälfte der Fläche und Bevölkerung Südamerikas umfaßt, seinen Nationalfeiertag. Heuer ist dies der 190. Jahrestag seiner staatlichen Selbständigkeit. Im Jahre 1500 wollte Pedro Alvares Cabral, einer der großen Gestalten des portugiesischen Seefahrer- und Entdeckerzeitalters, mit einer Flotte von 1200 bis 1500 Seeleuten auf gut einem Dutzend Karavellen auf der Fahrt nach Ostindien den ungünstigen Winden und Strömungen im Golf von Guinea weit nach Westen ausweichen und (Landnahme nach dem mit Spanien vereinbarten Vertrag von Tordesillas) stieß auf die Küste eines riesigen Waldlandes. An Land gehend, fällte eine Mannschaft etliche Bäume, von denen einige beim Entrinden ein naturfarben dunkelrotes Holz freigaben, das die Portugiesen an “brasa” erinnerte, die Glut eines Holzkohlenfeuers: Danach gaben sie diesem Land den Namen „Brasil”, zunächst hieß es aber auch „Terra de Santa Cruz” (Heiligkreuzland). Eine winzige Siedlung namens Porto Seguro (sicherer Hafen) hinterließen sie, diese liefen spätere Flotten wieder an und brachten weitere weiße Siedler. Der indianischen Urbevölkerung des Waldlandes, den „indígenas” (Eingeborenen, Einheimischen), erging es in den folgenden Jahrhunderten nicht besser als ihren Artgenossen in anderen Teilen Amerikas, heute macht diese Gruppe nur sieben Promille der Gesamtbevölkerung aus. Für die Arbeit auf Pflanzungen ließen sich auch diese Indianer nicht disziplinieren und, wie anderwärts, verschifften die Kolonialherren dazu später Sklaven aus Westafrika über den Atlantik. Die reinblütigen Schwarzen (pretos) bilden heute sechs Prozent der Gesamtbevölkerung. Die Weißen (brancos) umfassen heute um die 50 Prozent, weiß-schwarze Mischlinge (mulatos) aber um die 45. Die Freiheit von Rasseschranken und rassischen Vorurteilen in der Gesellschaft halten sich die Brasilianer seit jeher zugute, doch die Elite besteht erkennbar ganz überwiegend aus Weißen (eine von etlichen Ausnahmen: der Weltfußballer Pelé).
Aufgrund des Anschlusses Portugals an Spanien (1580 bis 1640) ging Brasilien beinahe an die mit Spanien rivalisierenden Niederlande verloren, wie dies bei einer anderen großen Kolonie, Java und Nachbarinseln, mit langdauernder Wirkung der Fall war (ab etwa 1600 bis 1945/1950 Niederländisch-Indien, seither als Indonesien unabhängig). Im früheren 18. Jahrhundert war Brasilien längere Zeit das führende „Goldland” der Erde, wovon heute noch einige im Inneren reich goldverzierte Kirchen im Mutterland Portugal zeugen. 1763 wurde zur Hauptstadt der Kolonie statt Salvador de Bahia die viel weiter südlich auch an der Atlantikküste entstandene Hafenstadt Rio de Janeiro bestimmt. Die Wirren der Napoleonischen Kriege führten wie im riesigen Spanisch-Amerika zur Lockerung der Bande mit dem europäischen Mutterland. Nach dem Einmarsch einer napoleonischen Armee in Portugal brachte sich der königliche Hof aus dem bedrohten Lissabon über den Ozean nach Rio in Sicherheit. Anders als in den 1776 ausgerufenen Vereinigten Staaten und den ab 1810 unruhig werdenden spanischen Kolonien brach jedoch kein militärischer Konflikt mit dem Mutterland aus. Schon der Wiener Kongreß gestand Brasilien den Status eines eigenen Königreiches zu, in Personalunion mit dem „Reino de Portugal e Algarve” stehend. Der portugiesische

Kaiser Pedro I. von Brasilien
Kronprinz Dom Pedro war in Rio oder dem in der Nähe entstandenen, damals noch malerischen Städtchen Petropolis („Petersstadt”, wie St. Petersburg in Rußland!) verblieben und rief, politisch von der weißen Oberschicht der Kolonie getragen, am 7. September 1822 durch den „Schrei von Ipiranga” (letzteres ein Flüßchen in der Nähe von Sao Paulo) die staatliche Unabhängigkeit Brasiliens aus. Dieses wäre nach dem bis dahin vollzogenen Abfall beinahe aller britischen und spanischen Kolonien von ihren europäischen Mutterländern für das kleine Portugal nicht mehr als Kolonie zu halten gewesen. Mit seinem Vater, dem König in Portugal, stand Dom Pedro im stillen Einverständnis, denn so bewahrte er der Dynastie Braganca die Herrschaft in Brasilien; der Kronprinz wurde zum Kaiser Pedro I. von Brasilien, 1831 gefolgt von seinem Sohn Pedro II., der als einer der meist gebildeten und erfolgreichsten Monarchen seiner Zeit galt (ein ,Gelehrter auf dem Thron’, er trug sogar etwas zu den Kosten der Errichtung des Bayreuther Festspielhauses bei). Doch entwickelte sich unter ihm auch in Brasilien eine republikanische Bewegung, beeinflußt durch das republikanische Umfeld im ganzen übrigen Amerika, die Abschaffung der Sklaverei 1888 brachte innenpolitische Unruhe, und 1889 wurde Pedro II. zur Abdankung und ins Exil gezwungen. Brasilien entwickelte sich zu einer Bundesrepublik; jeder der 26 Teilstaaten ist flächenmäßig im Durchschnitt so groß wie die ganze Bundesrepublik Deutschland. 1956 bis 1960 baute die brasilianische Bundesregierung unter der planerischen Gesamtleitung des Architekten Oscar Niemeyer auf einer Hochebene des

Oscar Niemeyer
Landesinneren eine neue Hauptstadt von gigantischen Ausmaßen, Brasilia, und zog aus der übervölkerten, zu chaotisch wachsenden, auch durch ihre beinahe ständige Tropenschwüle bedrückenden Riesenstadt Rio dahin um.
Brasilien ist ein Musterfall von Bevölkerungsexplosion, in diesen 190 Jahren ist seine Einwohnerzahl von fünf auf 193 Millionen Menschen gewachsen. Dazu hat unter anderem eine ständige hohe Einwanderung aus Europa, vorwiegend Portugal und Italien beigetragen, zwei bis drei Millionen Brasilianer tragen deutsche Familiennamen. Im 19. Jahrhundert, bei einer vergleichsweise kleinen Bevölkerung (nur 14 Millionen gegen Ende der Regierungszeit Pedros II.), waren Kaffee, Kautschuk, Baumwolle, Zuckerrohr die Hauptsäulen der Exportwirtschaft. Im 20. Jahrhundert entwickelten sich allmählich Industrien; vor allem in der Wirtschaftsmetropole Sao Paulo, die 1901 erst 102.000 Einwohner zählte (Graz damals 153.000), heute aber als städtisches Ballungsgebiet mit zwanzig Millionen Einwohnern eine der sechs oder sieben größten „Megastädte” der Welt bildet. Der Estado de Sao Paulo (Bundesland) nimmt als Industrie- und Wirtschaftsregion in Brasilien eine ähnliche überragende Vorrangstellung ein wie die Lombardei (Hauptstadt Mailand) unter den 20 Regionen Italiens. Wenig bekannt ist, daß Sao Paulo auch die größte Stadt mit deutscher Industrie der Welt darstellt: Deutsche Tochterunternehmen und deutsch-brasilianische Firmen, beginnend von Volkswagen do Brasil und Siemens Brasil bis zu Hunderten von kleinen Fabriken, beschäftigen insgesamt mehr Arbeitnehmer als die größte Industriestadt Deutschlands selbst (überraschenderweise ist das München). Es gibt aber auch an die 100 Niederlassungen österreichischer Unternehmen.

Dilma Rousseff
Heute ist Brasilien eines der führenden „Schwellenländer” (noch nicht voll industrialisierte Volkswirtschaften), hat sogar eine eigene Flugzeugindustrie (Typen Embraer) und ist eines der größten Agrarexportländer (im Weltvergleich an erster Stelle bei Kaffee, Rohrzucker, Orangensaftkonzentrat, Tropenfrüchten; an zweiter bei Rindfleisch und Soja; an dritter bei Futtermais, usw.). Als “Land der Zukunft” (so bezeichnete es 1941 der österreichisch Schriftsteller Stefan Zweig, seither wurde dieses Schlagwort unzählige Male bemüht) hat es noch gewaltige Entwicklungschancen dank seiner Bevölkerungsdynamik, bei den „erneuerbaren Energien”, aber auch dank riesiger Erdöllager (ein zweiter arabischer Golf) unterhalb des Meeresbodens vor seiner Küste. Es strebt einen ständigen Sitz im UN-Sicherheitsrat an, die Anerkennung des Portugiesischen als siebente Amtssprache im System der Vereinten Nationen. Seine (seit Jahresanfang 2011 amtierende) Präsidentin Dilma Rousseff (der Vater war bulgarischer Einwanderer) gilt neben Angela Merkel, Hillary Clinton und Königin Elisabeth II. als eine der mächtigsten Frauen der Welt. Rio erhielt den Zuschlag für die Abhaltung der Fußball-WM 2014 und der Olympischen Sommerspiele 2016. Für die sogenannte Weltkirche ist Brasilien als das Land mit der zahlenstärksten katholischen Bevölkerung von Bedeutung (der bekannteste Austro-Brasilianer derzeit dürfte der aus Vorarlberg stammende Bischof Erwin Kräutler sein, der für seine „indígenas”-Schäfchen gegen das Riesenprojekt des Kraftwerksstaudamms Belo Monte bei Altamira kämpft).
Doch bleiben viele Schwachstellen. Das Pro-Kopf-Einkommen der Gesamtbevölkerung (der Estado de Sao Paulo ragt weit über den Landesdurchschnitt hinaus) kommt kaufkraftmäßig erst jenem von Mazedonien gleich. Die statistisch Armen und die Analphabeten machen noch einen großen Teil der Bevölkerung aus. Der Sozialstaat ist schwach entwickelt, trotz großer Fortschritte unter Rousseffs Vorgänger Lula da Silva. Bildungs- und Schulwesen sind von schlechter Qualität. Die Kriminalität grassiert, Polizei und Suchtgiftmafia führen einen Dauerkrieg riesigen Ausmaßes gegeneinander vor allem in und um Rio. Umweltschützer in aller Welt sind bestürzt über Raubbau, Brandrodungen, Bodenerosion und Zerstörung der Biodiversität im Regenwald des Amazonasbeckens, der 2Grünen Lunge der Erde”. Die UN-Monsterkonferenzen in Rio 1992 und 2012 haben an diesen Übelständen kaum etwas zu bessern vermocht.

Erzherzogin Maria Leopoldine
Zu Deutschland und Österreich hatte Brasilien zumeist ein freundschaftliches Verhältnis. Eine Tochter des „guten Kaisers” Franz II. bzw. I., die Erzherzogin Maria Leopoldine, nach Marie Antoinette wohl die berühmteste von „Habsburgs verkauften Töchtern”, lebte neun Jahre lang in sehr unglücklicher Ehe mit Kaiser Pedro I., wirkte dennoch in der Anfangsphase der brasilianischen Unabhängigkeit segensreich (als Regentin motivierte sie ihren im Süden kämpfenden Ehemann zum Schrei „Freiheit oder Tod“), einige alte nationale Institutionen führen noch das Leopoldina in ihren Benennungen; sie war die Mutter Kaiser Pedros II. Einer der „Väter” des Naturhistorischen Museums Wien war der mit der Erzherzogin nach Rio entsandte Zoologe Thomas Natterer, er brachte nach zwanzigjähriger Sammlertätigkeit in Brasilien beträchtliche Bestände mit in die alte Heimat. Über die bedeutende Rolle mitteleuropäischer Einwanderer unterrichtet umfassend die Eckartschrift Nr. 183 von Hartmut Fröschle, „Die Deutschen in Brasilien einst und jetzt” (2006). Am Ersten Weltkrieg nahm Brasilien zwar auf Seiten der Alliierten teil, aber nur pro forma, im Zweiten entsandte es 40.000 Mann an die alliierte Italienfront, von denen 450 fielen. Unter den unterrichteten bzw. gelernten Fremdsprachen steht Deutsch heute wieder hinter Englisch und Spanisch an dritter Stelle, Goetheinstitute wirken in den größten Städten des Landes. Mögliche Zuwanderer aus Deutschland und Österreich schreckt wohl am meisten die vorhin erwähnte hohe Kriminalität ab.