Wort und Wert
von Balduin Ordt
Meine Heimat ist Wien. Die früheste Kindheit, von meinem zweiten bis zum vierten oder fünften Lebensjahr, verbrachte ich allerdings in Purkersdorf, einem damals noch ganz ländlichen Ort an der Westbahn, eine halbe Stunde von der Großstadt entfernt. Noch habe ich das kleine Haus am Rande des Deutschwaldes in Erinnerung. Ich war dort viel allein mit meiner Mutter; der Vater, ein gelernter Fleischhauer, kaufte und vertrieb Vieh entlang des Wienflusses hinunter nach Wien. Ich hörte den Regen auf das Dach klopfen, die Gartentür im Wind schlagen, und in meine Angst hinein rauschte der Wienerwald. (…) In dem kleinen Haus am Wald herrschten Trauer und Strenge. Nur wenn der Vater nach Hause kam, immer nur auf ein, zwei Tage, gab es Lachen und Freiheit, und das Haus widerhallte von Liedern. Der Vater hatte eine schöne, schmiegsame Naturstimme, und wenn er sang, hing ich mit Herz und Augen an seinem Mund. Stundenweit nahm er mich mit in den Wald, ich durfte auf seinen Schultern reiten und aus seinem Hut trinken (…) Tiefer als jeder spätere ist mir der Eindruck jener Tage im Herzen geblieben: Eine Insel der Kindschaft, auf die zu flüchten die Seele immer wieder unternimmt, wenn das bittere Leben kaum mehr erträglich scheint.
In Purkersdorf steht seit dem Jahre 1967 ein Denkmal für den Verfasser dieser tiefempfundenen Zeilen, den Dichter Josef Weinheber, dessen 120. Geburtstag am 9. März begangen wird. Auf einer Anhöhe über dem Ort, an den Ausläufern des Waldes, erinnert ein Porträtrelief des Bildhauers Rudolf Pleban an den großen Lyriker, der hier seine frühe Kindheit verlebte, das drohende Waisenschicksal über dem Haupt. Die drei Schlußverse aus dem Walzergedicht Lob der Heimat – bis vor kurzem liebgewonnenes Gemeingut literarischer Bildung in Österreich – hat man darüber in den Stein gehauen: liedbeseelt, / leidvermählt, / bist du ewig, Heimat, auserwählt. So wie durch diesen Lobgesang klingt auch durch die schlichte Prosa der zitierten Erinnerung ein Ton des Schmerzes. Da ist Aufruhr und bitterer Schrei / eines Manns, der die Heimat nicht hat, ist denn auch in einem Gedicht aus Weinhebers vielleicht schönstem Buch, Kammermusik (1939), zu lesen. In seinem Bekenntnis herrscht also gewiß kein Heimatbewußtsein, das selbstgefällig weder vor noch hinter sich schaut. Aber ein Bekenntnis ist es allemal: zum Menschen in dessen gewachsenem Sein.
In unseren Tagen hat die Großstadt die Gemeinde im Wienerwald bereits eingeholt, ja beinahe verschlungen. Und ganz nach dem Vorbild der großen Welt üben auch in der lokalen Kulturpolitik tugendstolze Säuberer des öffentlichen Raumes ihr eifriges Handwerk. Einer von ihnen, im richtigen Leben Gemeindebibliothekar, warf sich jüngst wieder gegen das Monument auf der Feihlerhöhe in Pose. Mit einer Verhüllungsaktion protestierte er gegen das Schandmal, dessen Umgebung neu instandgesetzt worden war. Es ist aber einfach schade, klagte er angesichts dessen, daß man/frau darauf verzichtet hat, neben dem Weinheber-Denkmal eine Tafel zu plazieren, die auf seine austrofaschistische sowie auf seine nationalsozialistische Vergangenheit hinweist. (Der gerechte Zorn ließ ihn vom Stein sprechen, während er den Dichter meinte.)
Sic transit gloria mundi? Das ist nicht die ganze Wahrheit. Nicht allein mit dem Fatum alles Großen hat man es hier zu tun, das Beispiel zeigt vielmehr auch die Folgen eines inzwischen bereits kaltschnäuzig hingenommenen Bruchs mit der eigenen Kulturgeschichte. Wo die Vergangenheit aber in Trümmer stürzt, enthüllt sich eine Leere, die uns als Fremde zurückläßt. Im aufsteigenden Staub üben jene Putzteufel ihren närrischen Zeitvertreib.
Der Autor ist regelmäßiger Mitarbeiter der „Wiener Sprachblätter“ (siehe www.muttersprache.at).